Wo fahren wir im nächsten Sommer hin? Neulich lief im Fernsehen ein Film über den Verleger Hubert Burda. Er hat privat viel mit Künstlern zu tun, in dem Film wuselte zum Beispiel dauernd Peter Handke um ihn herum. Wenn Hubert Burda eine Idee braucht, macht er einfach eine Bergwanderung. Im Schwarzwald gibt es ja genug Berge. Die Wanderung muss mindestens drei Stunden dauern. In der ersten Stunde ist sein Hirn noch ganz voll mit dem täglichen Bürokram, in der zweiten Stunde wird es im Hirn dann allmählich besser, und in der dritten Stunde kommen aus dem Bergwald wie zutrauliche Rehe die schönsten Ideen zu ihm hingelaufen und fressen ihm aus der Hand. Ich dachte: "Wir fahren nächsten Sommer endlich mal wieder in die Berge."

Nein: Wir fahren nach Südafrika.

Mein Vater lebt in Südafrika. Er und seine Frau haben sich da unten eine Luxusvilla gekauft. 400 Quadratmeter Wohnfläche und ein Park drumherum. Das Glanzstück der Luxusvilla ist der Luxuspool. Er ist 50 Meter lang. Ein 50-Meter-Pool, so etwas gibt es meines Wissens nicht einmal bei Manufactum.

Das Haus gehörte einer Familie, deren Sohn Schwimmer war. Der Sohn war sogar ein verdammt guter Schwimmer. Der Trainer sagte zu den Eltern: "Bei Gott, er ist das größte Talent, das ich jemals gesehen habe. Dieser Junge kann besser werden als Mark Spitz." Die Eltern waren aus dem Häuschen und ließen den vermutlich längsten Privatpool südlich des Äquators bauen, nur damit der Sohn jederzeit ungestört trainieren kann. Über den Pool führt eine geschmackvolle, leicht geschwungene Holzbrücke. Dort also standen die Eltern und sahen voller Stolz dem Sohn zu, wie er schwamm. Seine Zeiten sollen zeitweise in der Nähe des Weltrekords gelegen haben. Und dabei war er kein einziges Mal gegen einen halbwegs ebenbürtigen Gegner geschwommen, denn ebenbürtige Gegner gab es in Südafrika für ihn nicht.

Bei den Olympischen Spielen durfte er wegen des Boykotts nicht starten. Er trainierte weiter. Er wurde noch besser. Bei den nächsten Olympischen Spielen war Südafrika wieder nicht zugelassen. Er trainierte immer weiter. Als die Apartheid zu Ende ging, muss er schon Ende zwanzig oder Anfang dreißig gewesen sein. Er versuchte es, aber er schaffte nicht einmal mehr die Qualifikation für die ersten Spiele mit südafrikanischer Beteiligung. Zu alt. Mein Vater sagte: "Die Eltern konnten den Pool auf einmal nicht mehr sehen. Sie hassten ihn regelrecht. Deswegen haben sie das Haus weit unter Marktwert verkauft. Sie wollten in ein Altersheim ziehen, nach Florida."

Jetzt müsste natürlich der Sohn des schwarzen Gärtners, der jahrelang den Pool sauber gemacht hat, die Goldmedaille im Schwimmen gewinnen. Dann wäre es eine runde und filmreife Geschichte. Aber die Eltern haben, soweit ich weiß, aus lauter Begeisterung für den Sohn oder aus Angst vor Giftattentaten der schwarzen Terroristen den Pool immer selber sauber gemacht. Ich wollte wissen, ob die Eltern und der Sohn für oder gegen die Apartheid waren. Aber das konnte von den Nachbarn keiner sagen. Sie hätten meistens nur über den Sohn geredet.