Den vorbeieilenden Passanten auf der Leipziger Straße bot sich am Mittwoch vergangener Woche ein ungewohntes Bild. Der Anblick von Demonstranten ist dort zwar gang und gäbe. Aber wenn Oberbürgermeister wie Herbert Schmalstieg aus Hannover oder Oberstadtdirektoren wie Konrad Deufel aus Hildesheim auf die Straße gehen, ist das doch etwas Besonderes; solch einen Protestzug der Bürgermeister hat es seit Gründung des Deutschen Städtetages vor 100 Jahren noch nicht gegeben. Rund 200 von ihnen waren nach Berlin gekommen, mit ernsten Mienen und goldenen Amtsketten über den Sakkos. Die Vertreter der Städte und Gemeinden postierten sich vor dem Gebäude des Bundesrats, wo die Vertreter der Länder saßen und über die Gemeindefinanzreform berieten. Sie hängten leere "Stadtsäckel" auf und befestigten einen blechernen Pleitegeier vor ihrem Rednerpodest.

Wenn sich die dritte Staatsebene gegen die zweite auflehnt, die Kommunen gegen die Länder, muss die Lage wohl ernst sein. Den Städten und Gemeinden fehlt Geld, viel Geld. Mit einem Defizit von rund zehn Milliarden Euro rechnet der Deutsche Städte- und Gemeindebund in diesem Jahr.

Sparen an allen Ecken und Enden ist angesagt. Doch manche Bürgermeister, Stadtdirektoren und Kämmerer scheinen das noch nicht begriffen zu haben. Trotz aller Klagen und Protestzüge verschwenden die Kommunen nach wie vor Geld – lautet zumindest der Vorwurf im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Dort werden Fälle staatlicher Verschwendung aufgelistet, von "Prunk, Protz, Selbstbedienung und Fehlplanung" ist die Rede.

Eine interessante Lektüre – besonders für einige der Demonstranten. Denn im Schwarzbuch begegnen sie Verschwendungsfällen aus ihren eigenen Kommunen. Oberstadtdirektor Deufel etwa muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in seiner Stadt werde auf Kosten der Steuerzahler opulent gefeiert. Die Museum Hildesheim GmbH, eine Tochter der Kommune, leistete sich im Oktober vorigen Jahres eine Eröffnungsgala für ihre Napoleon-Ausstellung. Als Ehrengäste kamen "Winnetou" und "Naddel", der Schauspieler Pierre Brice und Dieter Bohlens Exfreundin Nadja Abd el Farrag. Das Buffet lud mit Kaviar und Calvadosäpfeln zum Schlemmen ein.

Doch die Veranstaltung rentierte sich nicht. Am Ende blieb das Museum auf Kosten von rund 77000 Euro sitzen. Weil dann auch die Besucher nicht kamen, entwickelte sich die Ausstellung ebenfalls zum finanziellen Flop. Ein Defizit von 600000 Euro war die Folge. Das kommunale Museum erhält jährlich einen Zuschuss von 1,6 Millionen Euro aus Steuermitteln. Die kostspieligen Details rund um die Napoleon-Schau hat der Bund der Steuerzahler erst nach einer Auskunftsklage erfahren. Eine Anfrage der ZEIT in Sachen Museumsgala ließ Oberbürgermeister Ulrich Kumme unbeantwortet. Und Oberstadtdirektor Deufel, der in Berlin für mehr Geld auf die Straße ging, mochte sich ebenfalls nicht äußern.

Auch Deufels Protestkollege Schmalstieg, Oberbürgermeister von Hannover und Vizepräsident des Deutschen Städtetages, muss sich vom Bund der Steuerzahler vorhalten lassen, dass er es mit dem Sparen nicht so richtig ernst nehme. Rund 250 000 Euro hätte der hannoversche Nahverkehrsbetrieb üstra sparen können, schreibt der Steuerzahlerbund, wenn er seine Fahrscheinautomaten von vornherein mit einer Funktion zum Geldwechseln ausgestattet hätte. Nach drei Jahren, viel Ärger bei den Bürgern und sinkenden Fahrgastzahlen werden die 300 Automaten namens "müx" jetzt teuer nachgerüstet.

Oberbürgermeister Schmalstieg entgegnet, es handele sich "nur um ein paar Fahrscheinautomaten". Die Vorwürfe des Steuerzahlerbundes hält er für absurd. Das Finanzloch der Kommunen habe eine andere Dimension. "Hier geht es nicht um hix und müx", sagt Schmalstieg.

Das sieht Andreas Schmidt, Mitglied im Präsidium des Steuerzahlerbundes, anders. "Die Finanzsituation der Kommunen ist nicht so schlecht, wie sie dargestellt wird", sagt Schmidt. Er geht davon aus, dass die Verschwendung in den kommunalen Haushalten bei etwa fünf Prozent liegt. Das entspricht einem Betrag von 3,5 Milliarden Euro bei einem geschätzten Ausgabenvolumen von rund 150 Milliarden Euro für das laufende Jahr. "Und uns ist ohnehin nur die Spitze des Eisbergs in Sachen Verschwendung bekannt", sagt Schmidt.