Was man seiner ostpreußisch-schlesischen Familie nicht alles verdankt. Etwa die Einladung zu einem Schriftstellerferienlager auf Sylt. Lesen zum Thema: "Familiengeschichten mit osteuropäischen Wurzeln – junge Schriftsteller brechen Tabus und setzen sich mit der eigenen Familiengeschichte in neuer Form auseinander". So heißt es in der Ankündigung, was ich sehr schmeichelhaft finde, wegen des Jungen und Tabubrechenden. Eingeladen sind Judith Kuckardt, Tanja Dückers, Malin Schwerdtfeger, Tim Staffel, Olaf Müller und ich. Metropolendichter in HipHop-Hosen, sich in der Unendlichkeit eines Wollpullovers Verlierende, an-der-kalten-Welt-Leidende, Bachmannsche Kettenraucherinnen. Wie für Schriftsteller üblich, versuchen wir uns nach Kräften zu ignorieren, tagsüber jedenfalls. Die einen fahren Rad, die anderen sitzen im Strandkorb, genießen den unverstellten Blick auf den Horizont und hoffen, vom nackten Kurkartenkontrolleur übersehen zu werden. Was uns vereint, ist die Großherzigkeit der Kulturförderin Indra Wussow, Erbin der Sylt-Quelle, in deren futuristischem Mineralwasserlager wir abends aus unseren Werken lesen.

Am letzten Abend entsteht eine Diskussion. Ungeplant. Malin Schwerdtfeger, die einen Roman über Spätaussiedler geschrieben hat, stellt bei den Spätaussiedlern ein eher pragmatisches Verhältnis zur deutschen Vergangenheit fest: Als die Deutschstämmigen den Antrag auf Aussiedlung in die Bundesrepublik stellen konnten, hätten sie kurzerhand ihre jahrzehntelang auf dem Dachboden versteckten Hakenkreuzpässe wieder herausgeholt, wobei es ihnen egal gewesen sei, ob sie einen Onkel in der SS gehabt hatten oder nicht, sagt sie. Als ich einwende, dass nicht unbedingt jeder Schlesier oder Pommer oder Ostpreuße in der SS war, und der Nationalsozialismus im übrigen nicht nur in den ehemaligen deutschen Ostgebieten beheimatet war, sondern auch in Bayern, Hamburg oder Westfalen, stellt Tanja Dückers überlegen lächelnd fest, dass die Sudetendeutschen immer schon Nazis gewesen seien. Tim Staffel schweigt. Olaf Müller auch. Später wagt Tim Staffel zu gestehen, dass er nach Kaliningrad gereist sei, um den Obstgarten seiner Großmutter zu suchen, und ihn auch gefunden habe. Vielleicht in Königsberg. Das Mineralwasser perlt still in unseren Gläsern.

Und ich denke an meine ostpreußische Familie, von denen niemand mehr in das ermländische Dorf zurückgekehrt ist, aus dem sie stammen, und die doch am Ende einer jeden Familienfeier das Ostpreußenlied sangen, danach weinten und behaupteten, es sei nur wegen des Alkohols gewesen. Ich denke an meine schlesische Mutter, die zu den progressiven Heimatfreidenkern gehört und immer sagt: Heimat ist für mich da, wo ich bin!, womit sie zielsicher ihre Schwester gegen sich aufbringt, die zur Glaubensschule der orthodoxen Heimatverehrern gehört. Aber bis heute sagt meine Mutter: "Bei uns zu Hause", wenn sie von Schlesien spricht.

Dann drängt es mich, zwischen den Getränkekisten zu bemerken, dass der Verlust der Heimat für einen Menschen ähnlich traumatisch sei wie der Verlust eines geliebten Menschen. Dass den deutschen Flüchtlingen jedoch bis heute eines versagt worden sei – ihr Recht auf Trauer. Und dass mich die Verteufelung eines Zentrums gegen Vertreibungen auch deshalb aufregt, weil ich glaubte, dass wir die Schlichtheit des Denkens in den Kategorien des Kalten Krieges längst überwunden hätten. Schließlich ist die Mauer gefallen, der Oder-Neiße-Vertrag unterzeichnet – kurz: Die Welt hat sich gedreht.

Plötzlich sahen alle so aus, als sei ihnen Magda Goebbels erschienen

Mit einem Mal blicken alle so befremdet, als sei ihnen Magda Goebbels erschienen. Tanja Dückers stellt streng fest, dass die Vertriebenen keine Opfer gewesen seien, wie überhaupt alles nur ein schlecht verschleiertes Manöver dafür sei, die Deutschen als Opfer darzustellen, und das ginge nicht. Und ich fühle mich in die siebziger Jahre zurückversetzt, als meine herbe Gesellschaftskundelehrerin in jedem Lippenstift ein Zeichen für Unterdrückung wähnte. Das Patriarchat war noch nicht überwunden, die Frauen noch nicht befreit, und alle Vertriebenen waren Feinde des Friedens. Es erstaunt mich, wie kalkuliert sich der Tabubruch der jungen Schriftsteller in den bewährten Bahnen beschaulicher Alt-68er Positionen bewegt.

Als Kind fühlte auch ich mich moralisch überlegen. Das Leid, das in anderen Flüchtlingsfamilien verschwiegen wurde, versuchte meine Familie durch exzessives Reden zu bewältigen: die Flucht, die Flucht, immer die Flucht!, dachte ich, wenn in ihren Erzählungen wieder mal DER RUSSE kam. Was heult ihr denn jetzt, urteilte ich hochmütig, ihr seid doch selbst schuld, dass man euch vertrieben hat. Vielleicht ist es das, was ich mit Außenminister Fischer gemeinsam hatte, der in einer ungarndeutschen Familie mit den Geschichten von der Flucht aufgewachsen ist: eine gewisse Hartherzigkeit.

Was vorbeji ist, ist vorbeji, sagte meine ostpreußische Großmutter, nach der Unterzeichnung der Ostverträge. Ich beschloss, mich nie mit einer Heimat zu belasten, und es war mir peinlich, als meine Tante Ruth mit roten Wangen von ihrem ersten Besuch in Polen berichtete. Sie schwärmte von Breslau, und ich sagte feindselig: Heute heißt das aber Wroclaw. Von wegen – immer schon deutsch! Und ich wollte nichts von ihrer Freundschaft zu dem Polen hören, der in dem verlassenen Haus meiner Großeltern wohnte, und der seinerseits aus Lemberg vertrieben worden war.