Am 17. November 1933 erschien die erste Ausgabe, und wir würden von Herzen gern zum Siebzigsten gratulieren, wenn es die Weltwoche noch gäbe: die liberale Wochenzeitung, die wir als eine Art Schwesterblatt gelesen, manchmal bewundert und immer respektiert haben – in den späten achtziger Jahren tatsächlich ein mit dem ZEIT- Verlag familiär verbandeltes Blatt, da Gerd Bucerius in aller Heimlichkeit die Mehrheitsanteile an der Jean Frey AG (bei der auch die lukrative Annabelle erschien) an sich gebracht und Rolf Bigler in die Chefredaktion katapultiert hatte: einen begabten Intellektuellen der schneidig-eleganten Art, dem die Prominenz zu Kopfe stieg. Mit vollen Händen gab er das Geld aus, um die Auflage hochzutreiben, und er drängte zugleich in den Nationalrat. Das Experiment wurde abgebrochen, die Kapitalmehrheit in Schweizer Hände zurückgelegt, Bigler seines Amtes enthoben.

Die Weltwoche hat jenes Abenteuer ohne zu großen Schaden überstanden. Sie blieb das linksliberale Leuchtfeuer der Eidgenossenschaft. Aber diese Zeitung existiert nicht mehr. Es gibt, für fünf Franken siebzig oder drei Euro neunzig, nur noch eine Zeitschrift gleichen Namens, seit knapp zwei Jahren im Magazin-Format gedruckt, was sich als nützlich erwies. Die Hefte sind bunt, munter, überhöht durch die großen Reportagen, Essays und Porträts, die beim New Yorker, bei Atlantic Monthly, bei der Review of Books eingekauft wurden. Ohne Zweifel hat der junge und hoch energische Chefredakteur Roger Köppel das Blatt aus einem Dämmerzustand sanfter Langeweile, gutartiger Korrektheit und freundlicher Mediokrität, in dem es vor dem Regimewechsel zu entschlafen drohte, mit seinem Trompetengeschmetter aufgescheucht. Die Auflage steigt (wenngleich sacht). Selbst die Annoncen mehren sich.

Aber was der neue Chef – nach einem dramatischen Wechsel der Kapitaleignerschaft bei Nacht und Nebel – zum Leben erweckte, ist nun eine flotte Rechtspostille geworden, trotz strampelnden Leugnens eben doch ein Propaganda-Blatt des Populisten Christoph Blocher, wie der rüde Wahlkampf im Oktober dieses Jahres bewies, als Roger Köppel ohne weitere Tarnung für die Schweizerische Volkspartei warb, die siebenundzwanzig Prozent der Stimmen kassierte: ein Triumph, der dem Großindustriellen und Europagegner Blocher (Chemie) den leidenschaftlich begehrten Sitz im Bundesrat (der Regierung des Landes) bescherte. Natürlich ist er nicht direkt an dem Blatt beteiligt. Er sponsert nur, wie er fröhlich versichert, das Kreuzworträtsel. Das Konsortium, das die Basler Eigentümer der Frey AG überredete, einen Vorvertrag mit dem Ringier-Konzern in den Kamin zu befördern, wird von dem konservativen Tessiner Multimillionär Tito Tettamanti angeführt, der sich vordem eher für chinesische Elektrizitätswerke und südamerikanische Goldminen interessierte. Gegen die EU ist auch er. Darin stimmt er mit dem Gefolge der Kleinaktionäre und dem Gros der Deutschschweizer überein.

Der Sieg Blochers wird auch den welschen Eidgenossen die europäischen Flausen rasch genug austreiben. Freilich wurde der Durchbruch mit Argumenten erkämpft, die nicht an die edelsten Instinkte appellierten: Anzeigen, auf denen eine junge Frau von einem langhaarigen, dunklen Gesellen mit dem Dolch bedroht wird – "Nein zum 6,1 Mio.-Kredit für Sexual- und Gewalttäter" (für die eine Verwahranstalt gebaut werden soll) –, Anzeigen, auf denen sich ein finsterer Typ mit Sonnenbrille durchs zerrissene Jungfrau-Weiß des Schweizer Kreuzes drängt – "Stop dem Asyl-Missbrauch" –, oder Anzeigen, die fragten, ob der Wähler "für 4,7 Millionen Franken Heroin verschenken" wolle (was die kostenlose Abgabe der Droge zur Minderung der "Beschaffungskriminalität" meinte). Die europäische Gefahr erschien als ein schwarzer Stiefel mit scharfen Sporen und der Aufschrift "EU", der den Stimmausweis eines entsetzten Eidgenossen zertritt.

Die neue Weltwoche aber hatte der Anzeigenkampagne mit manchen ihrer journalistischen Bravour-Stückchen den Weg geebnet: so mit der polemischen Rechnung, dass jeder Asylant die braven Helvetier eine Million Franken koste. In einer Hofkonversation mit Roger Köppel und Markus Somm bestand der siegreiche Blocher freilich darauf, die "Grenzen des Stils" seien durch die Vulgarität jener Verlautbarungen nicht überschritten worden.

Nein, was Köppel mit den Wirbeln auf seiner Kindertrommel in Marsch setzte, hat nichts mehr mit der Zeitung zu schaffen, die Karl von Schumacher und Manuel Gasser im Frühjahr 1933 bei einer gemeinsamen Reise im Schnellzug von Paris nach Avignon spielerisch erfanden, beide von der Idee eines unabhängigen Schweizer Wochenblattes so enthusiasmiert, dass der eine auf die Weiterfahrt nach Spanien, der andere auf vergnügte Ferientage an der Côte d’Azur verzichtete. Sie redeten, bis sie ihr Idealblättchen konzipiert hatten. Gasser begab sich zurück nach Paris, um sich bei den französischen Kollegen zu erkundigen, was ein Redakteur in praxi zu tun habe. Schumacher versuchte in Zürich, Geldgeber zu finden, was so leicht nicht war. Aber das Mirakel geschah: Acht Monate später kam das Blatt auf den Markt. Im ersten Leitartikel forderte Karl von Schumacher "Sachliche Beziehungen zu Deutschland", und das Inhaltsverzeichnis verwies auf die Plauderei Wie Hitler lebt.

Fast zwei Jahre lang ergab sich die Zeitung einer Neigung zum Appeasement, während sich die Leserinnen an den Unterhaltsamkeiten der hübschen und klugen Anwaltsgattin Mabel Zuppinger ergötzten, die sich Colettes Claudine als Pseudonym und Markenzeichen wählte: Selbst ihre gewagteren Texte waren die Biederkeit schlechthin im Vergleich zu den heutigen Reizartikeln à la Heidnische Furcht vor der Lustwucht (über den weiblichen Orgasmus) oder Alle wollen nur das eine oder Sex in Japan, mit denen Köppel sein Publikum zu locken versucht.

Schumacher beugte sich 1935 der Notwendigkeit, gegen Hitler-Deutschland Front zu machen – und die Auflage begann zu wachsen. Die Weltwoche wurde zum Fanal des Widerstandes gegen die totalitäre Bedrohung: das Blatt, in dem Jean Rudolphe von Salis und (anonym) der Exilant Robert Jungk ihre brillanten Analysen vorlegten, in dem die deutschen und österreichischen Emigranten, allesamt mit Schreibverbot belegt, durch die legendäre Agentur Dukas getarnt, ein Forum und ein Zubrot fanden, in dem Golo Mann einige Jahre lang die Leitartikel und Peter Dürrenmatt die Theater-Kritiken bestritt, François Bondy die Literatur präsentierte, der große Reporter Peter Schmid (immer nur mit einem Handköfferchen unterwegs) aus den entlegensten Winkeln der Welt berichtete.