Analyst müsste man sein. Dann dürfte man so richtig kurzfristig auf die Wirtschaft blicken und zum ersten Mal seit langem wieder Optimismus verbreiten. Die Weltwirtschaft wächst! Die Krise ist überwunden! Ja, man dürfte sogar wieder über Zinserhöhungen schreiben. Doch die Autoren der vielen Studien, die in diesen Tagen veröffentlicht werden, rennen lediglich den Erwartungen der Investoren hinterher. Am Terminmarkt gehen die Händler bereits von einem Anstieg der Euroland-Notenbankzinsen um 100 Stellen auf 3 Prozent bis zum Ende kommenden Jahres aus. Die Wirtschaftsdaten der vergangenen sechs Wochen waren einfach zu gut.

Für die Analysten kam dabei wie gerufen, dass die Bank of England vergangene Woche die Zinsen erhöht hat. Es war seit vier Jahren das erste Mal. Dass die Notenbank dies aus Angst vor einer Immobilienblase tat, stört die professionellen Studienschreiber wenig. Die Entscheidung wird flugs zum weltweiten Auftakt von Zinserhöhungen stilisiert. Und was liegt näher, als warnend den Finger zu heben und auf Inflationsgefahren aufmerksam zu machen? Die Investoren an den Finanzmärkten wollen Geschichten erzählt bekommen, auf die hin sie handeln können.

Solche Geschichten erzählt auch Joachim Fels, einer der profiliertesten Beobachter der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Analyst von Morgan Stanley rief Anfang der Woche mit seiner Studie Au revoir 2 Prozent als einer der ersten das Ende rekordniedriger Notenbankzinsen in Europa aus.

Leider jedoch wird der Optimismus der Märkte und Analysten enttäuscht werden.

Um das zu verstehen, muss man die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft thematisieren. Amerikas beeindruckendes Wachstum beweist zunächst nur, dass die aktive Geld- und Fiskalpolitik der Regierung Bush funktioniert; die in den USA an die Bevölkerung verteilten Schecks – jede Familie erhielt pro Kind bis zu 400 Dollar – haben den Konsum gesteigert. Die Analysten der holländischen Bank ABN Amro rechnen vor, dass von den geschätzten 5,5 Prozent Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr allein fünf Prozentpunkte auf die Schecks und andere Staatsausgaben zurückgehen. Von einem selbst tragenden Aufschwung kann also keine Rede sein.

Noch bedenklicher wird die Lage, wenn die Finanzierungsströme mit in die Analyse einbezogen werden. Amerika ist immer mehr auf ausländisches Geld angewiesen. Das schlägt sich im rekordhohen US-Leistungsbilanzdefizit nieder. Dieses wird zu großen Teilen durch offizielle Dollar-Käufe asiatischer Zentralbanken finanziert. Oder ganz plastisch: Das Geld, das die Regierung Bush verteilt, ist das Geld der Chinesen und Japaner. Deren Notenbanken kaufen US-Staatsanleihen, um die Wechselkurse gegenüber dem Dollar stabil zu halten.

Ohne diese "asiatische Subvention" wäre zumindest der Dollar, wenn nicht die ganze amerikanische Wirtschaft, schon längst in sich zusammengesackt. Deshalb muss die richtige Frage lauten: Wie lange geht das amerikanische Spiel noch gut?

Seit dem G7-Treffen in Dubai ist klar, dass selbst die US-Regierung an einem schwächeren Dollar interessiert ist. Nur so glaubt sie den Dollar-Kollaps verhindern zu können. Für Europa bedeutet das zweierlei: Erstens muss sich der alte Kontinent aus der Abhängigkeit von der Wirtschaftsentwicklung der USA lösen, und das geht nur durch starkes Wachstum. Erst dann wird das Leistungsbilanzdefizit an Schrecken verlieren. Doch zurzeit läuft alles noch in die falsche Richtung, Amerika wächst künstlich, der Rest der Welt zieht nach. Dieses Verhältnis muss sich umdrehen.