Klischees genießen ein langes Leben. Leider muss man zugeben, dass sich die deutsche Nationalmannschaft am Samstagabend so präsentiert hat, wie man sie sich in Frankreich vorstellt – unkreativ und langweilig. Diesmal war es noch schlimmer als sonst: Die eigentliche Begegnung zwischen beiden Teams dauerte nur eine Halbzeit. Danach konnte man kaum glauben, dass die Franzosen gegen den Vize-Weltmeister spielten. Die deutsche Elf konnte in den zweiten 45 Minuten dem Alleingang der "Tricolores" nur teilnahmslos zuschauen. Mit einem Freundschaftsspiel hatte das Treffen in der Arena "Auf Schalke" nichts zu tun. Und dies nicht wegen eines kleinen französischen Ressentiments, das ein Spiel gegen Deutschland seit einem Abend in Sevilla 1982 begleitet. Nein. Es war kein Freundschaftsspiel, weil beide Mannschaften viel zu verlieren hatten. Deutschland und Frankreich brauchten diesen Test, um zu prüfen, auf welchem Niveau sie sich befinden. Nach der peinlichen Vorstellung bei der WM 2002 hatten die Franzosen ihr EM-Qualifikations-Ticket problemlos gewonnen, aber die Gegner hießen Israel, Zypern und Slowenien – beeindruckend war diese Leistung bestimmt nicht. Zudem unterlag der Weltmeister von 1998 im einzigen bedeutenden Spiel des Jahres der starken Fußball-Nation Tschechien mit 0:2. "Unser Ziel ist die EM-Titelverteidigung. Im Hinblick darauf ist es ein ganz wichtiger Test. Die Deutschen sind in Europa immer eine ganz große Nummer" betonte der Real-Star Zinedine Zidane.Auf deutscher Seite ist Rudi Völler seit Juli 2000 damit beschäftigt, eine solide Mannschaft aufzubauen. Nach der kaum überzeugenden Qualifikation der National-Elf für die EM und einer Serie von Niederlagen gegen Holland, Spanien und Italien, wollte Völler den Stand seiner Arbeit überprüfen. Seine augenblicklich beste Mannschaft befand sich auf dem Feld, mit den Talenten Hinkel und Kuranyi, geführt von den erfahrenen Bundesligaspielern Klose, Ballack oder Bobic. "Die längste Pause ist traditionell im Winter. Da wäre es gut, wenn wir mit einem positiven Ergebnis rübergehen ins neue Jahr", wünschte sich der DFB-Teamchef.Das Spiel begann zunächst gut für Deutschland und beinahe hätte Kuranyi mit seinem Lattenschuss in der 10. Minute das 1:0 erzielt. Erster Ball für den neuen VfB-Star, erste Gefahr für Torwart Coupet - und damit war es das auch für Kuranyi in seinem siebten Länderspiel. Von ihm hätte man mehr erwarten können, aber der 21jährige braucht noch ein paar internationale Spiele mehr, um seine Fähigkeiten zu entfalten. Zehn Minuten später zeigten die Franzosen dann, wie man einen Fehler der gegnerischen Abwehr ausnutzt. Im Mittelfeld passt Pires auf der rechten Seite weiter zu Lizarazu, der bis zum Strafraum rennt und zu Henry flankt, der Nowotny einfach überspringt und einköpft. Nach dem Tor reagierte Deutschland, zuerst mit einem Fernschuss von Jeremies (22.) und einen Kopfball von Frank Baumann (23.), aber Gregory Coupet stand der deutschen Torglückseligkeit immer im Weg, wie auch beim gefühlvollen Freistoss von Ballack (30.). In der 36. Minute lief Bobic alleine auf den französischen Torhüter zu und vergab die erfolgsversprechenste Gelegenheit, das 1:1 zu erreichen. Bis zum Ende der ersten Halbzeit blieb der Unterschied zwischen beiden Teams gering.Was in der zweiten Halbzeit passiert ist, bleibt unerklärbar, als hätten die Deutschen die Forderung ihres Chefs vor der Partie falsch verstanden: "Das wichtigste ist, wie wir auftreten. Wir dürfen uns nicht verstecken." Und Rudi Völler hatte sogar versprochen: "Wir werden nach vorne spielen". Dafür braucht man ein offensives Mittelfeld, um die Stürmer zu unterstützen, aber Ballack wirkte abwesend, ebenso die deutsche Offensive. Die Einwechslung von Klose für Bobic nach 67 Minuten sollte für mehr Dynamik sorgen, wie im Match gegen Italien, als der Kaiserslauterer den deutschen Angriff beleben konnte. Dennoch blieb er bis zum Ende ohne Torschuss – und Völler ohne Lösung. Inzwischen hatte Thierry Henry mit einer künstlerischen Darbietung Wörns verzaubert und seinen Freund David Trezeguet so mustergültig bedient, dass der Turiner Stürmer nur den Ball ins leere Tor zu schieben musste. Zehn Minuten vor Schluss erzielte Trezeguet nach einem perfekten Pass von Zidane das dritte Tor der Franzosen."Das war ein katastrophales Spiel, dabei hatten wir uns vorher so viel vorgenommen. Am Anfang hatten wir vielleicht zu viel Respekt, aber vielleicht haben die Franzosen nur mit halber Kraft gespielt. Nach so einem Spiel fühlt man sich einfach nur schlecht. Darüber muss man erstmal ein paar Tage nachdenken" sagte Andreas Hinkel, der beste deutsche Spieler auf dem Feld. Eine Meinung, die Rudi Völler teilte: "Diese Packung tut uns weh, die tragen wir jetzt drei Monate auf dem Buckel. Ich hatte eigentlich geglaubt, dass mit dieser Mannschaft was geht. Man muss ehrlich anerkennen, dass Frankreich eine ganz tolle Mannschaft hat. (...) Man kann gegen einen solchen Gegner nur bestehen, wenn man die eigenen Möglichkeiten nutzt. Das haben wir nicht getan. Wir haben in der ersten Halbzeit aus unseren Chancen kein Tor gemacht. (...) Wir geben nicht auf, jetzt wollen wir es im nächsten Spiel Mitte Februar in Holland besser machen."Immerhin eine Stimme hatte sich bereits vor dem Spiel schonungslos über den Zustand der deutschen Fußballelf geäußert. Christoph Daum, zur Zeit Trainer von Fenerbahce Istanbul, warnte: "Ich gehe davon aus, dass wir bei der EM 2004 und der WM 2006 keine überragende Rolle spielen. (...) Selbsternannte Fußball-Experten tun so, als hätten wir eine Super-Mannschaft. Die haben wir nicht. (...) Es müssen weitreichende radikale Veränderungen in der Nachwuchsarbeit her. Sonst bleiben wir auf lange Sicht weiterhin zweitklassig." Eine eindeutige Analyse, die hierzulande nicht gern akzeptiert wird – die aber nach dieser Begegnung wohl treffend ist. Die Niederlage von Samstag war weder ein Unglück, noch ein Fauxpas: Zum achten Mal in Folge verlor die Mannschaft gegen eine große Fußball-Nation. Dem Fußballtraditionsland Deutschland, das auf drei gewonnene Weltmeisterschaften zurückblicken kann, fällt es schwer, sich in Frage zu stellen. Die "Zweitklassigkeit" der deutschen Nationalmannschaft ist jedoch eine bittere Realität. Strukturreformen und gezielte Nachwuchsarbeit sind eine Pflicht. Dem DFB ist dies bewusst.Lange haben die Franzosen Deutschland gefürchtet. Heute ist es umgekehrt. Warum? Nach der genialen Fußballgeneration von Platini und Co. musste Frankreich durch die Wüste gehen und auf die Weltmeisterschaften von 1990 und 1994 verzichten. Hieraus folgte eine komplette Umstrukturierung der Jugendarbeit in den Vereinen, was heute Früchte trägt. Zwölf Jahre warten ist eine harte Prüfung, aber manchmal lohnt es, sich Zeit zu lassen.