Unbestritten ist, dass die antisemitische Radikalisierung und Gewaltbereitschaft an den rechtsextremen Rändern wächst. Der von den Sicherheitsbehörden vereitelte Plan einer Neonazigruppe, anlässlich der Grundsteinlegung des neuen jüdischen Gemeindezentrums in München am 9. November einen Sprengstoffanschlag zu verüben, markiert eine neue Qualität terroristischer Energie in der ultrarechten Szene. Laut Bundesinnenministerium gab es im vergangenen Jahr 1594 antisemitisch motivierte Straftaten, zumeist Friedhofsschändungen oder Nazischmierereien – Tendenz steigend. Allein im ersten Halbjahr 2003 wurden im Westen von Berlin vier jüdische Bürger auf offener Straße attackiert. Im ganzen Jahr 2002 waren es zwei Fälle, 2001 nur einer. Die Täter waren allerdings vermutlich nicht deutsche Rechtsextremisten, sondern arabische oder türkische Jugendliche. Deren Judenfeindschaft wird zunehmend zum Problem. Eine vom Zentrum Demokratische Kultur erarbeitete Studie über islamistische Einflüsse im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain stellte fest, dass Hassreden auf Juden und Beschimpfungen wie "jüdisches Schwein" zum selbstverständlichen Repertoire namentlich arabischer Jugendlicher gehören.

Aus der politischen Klasse hört man nur wenige Warnungen vor dieser neuen antisemitischen Stimmungsmache – wohl nicht zuletzt aus Furcht, dadurch wiederum negative Stimmungen gegen die muslimische Bevölkerung im Ganzen zu fördern. Kann es da trösten, dass sich das, was an antijüdischen Vorurteilen im Umlauf ist, in ähnlichem Umfang auch in allen anderen europäischen Ländern findet? In Frankreich etwa tritt der Antisemitismus gegenwärtig sogar deutlich aggressiver zutage als hierzulande. Es sei aber ein Trugschluss zu glauben, warnt Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, "latenter Antisemitismus" sei auf Dauer ungefährlicher als "manifester": "Was sich offen, plump und holzschnittartig zeigt, ist schneller auszumachen und erfolgreicher zu bekämpfen als schwer zu definierende Strömungen in gesellschaftlichen Grauzonen." Wenn sich dort etwas verändert, lässt sich das nur mit analytischem Spürsinn beschreiben, nicht aber repräsentativ belegen.

In Erinnerung ist ein solcher Fall, den die Frankfurter Rundschau beschrieb: Ein jüdischer Imbissbetreiber im kleinbürgerlich geprägten (West-)Berliner Stadtteil Reinickendorf sah sich zur Geschäftsaufgabe gezwungen, weil ihn erst rechtsradikale, dann arabische Jugendliche so lange terrorisierten, bis die Kunden wegblieben – nicht weil sie etwas gegen Juden hatten, sondern weil es ihnen in dem Laden zu unsicher geworden war. Kein "Aufstand der Anständigen" kam dem Drangsalierten zu Hilfe.

Was in Berlin-Reinickendorf geschah, hätte sich wohl genauso auch anderswo in der Welt ereignen können. In Deutschland aber haben die Themen "Antisemitismus" und "Juden" eine besondere Konnotation. Wo immer sie aufkommen, ist sogleich das nationale Selbstverständnis der Deutschen im Ganzen berührt. Die deutsche Nachkriegsdemokratie gründet auf dem Versprechen, nie wieder Diskriminierung und Verfolgung von Juden oder anderen Minderheiten zuzulassen. Doch es gibt eine tiefe, offenbar sogar wachsende Kluft zwischen dem öffentlichen, gleichsam verstaatlichten Bekenntnis zur deutschen Schuld und der inneren Einstellung der Deutschen zu ihrer Geschichte.

Eine Repräsentativumfrage von Emnid, die der Essener Kulturwissenschaftler Harald Welzer im vergangenen Jahr in Auftrag gab, wollte herausfinden, was die Bundesbürger über die Haltung ihrer Eltern und Großeltern während des "Dritten Reiches" aus Gesprächen in der Familie wissen. "Nach den Ergebnissen dieser Umfrage müsste die Geschichte des Nationalsozialismus neu geschrieben werden", sagt Welzer. "26 Prozent der damals erwachsenen Bevölkerung haben aus der Sicht der Befragten Verfolgten geholfen, 13 Prozent waren im Widerstand aktiv, 17 Prozent haben immer den Mund aufgemacht, wenn es darum ging, Unrecht beim Namen zu nennen und Drangsalierte zu verteidigen." Nur ein Prozent gab an, dass Angehörige an Verbrechen beteiligt waren. Nach den Antworten der Befragten waren im "Dritten Reich" ganze drei Prozent der Bevölkerung antijüdisch eingestellt.

Die Umformung der historischen Erinnerung im Familiengedächtnis ist keineswegs mangelnder Aufklärung oder Bildung geschuldet. Die Zahl derer, die in ihren Großeltern mutige Regimegegner sehen wollen, ist unter den Befragten mit Abitur beziehungsweise Hochschulabschluss sogar besonders hoch. Das Wissen um den Nationalsozialismus als dem schlimmsten Verbrecherregime der Weltgeschichte bildet gerade die Voraussetzung für diese Form der Entlastung von der Bürde der eigenen Geschichte. Der Gedanke daran, dass die eigenen Angehörigen in eine als beispiellos erkannte Verbrechensmaschinerie verstrickt gewesen sein könnten, scheint unerträglich. Durch die Umbildung der historischen Ereignisse in der familiären Erinnerung gleicht man das eigene Selbstbild an den moralischen Status der Opfer an.

Neuere deutsche Filme wie zuletzt Rosenstraße von Margarethe von Trotta reflektieren diesen Wunsch, sich unter antifaschistischen Vorzeichen von Schuldgefühlen zu befreien. Hier sieht man aufrechte deutsche Frauen, die furchtlos zu ihren jüdischen Männern stehen und den NS-Repressionsapparat durch das Beharren auf eine unverfälschte Menschlichkeit zum Rückzug zwingen. Mit solchen Leitbildern braucht man, um den Nationalsozialismus innerlich von sich abzuspalten, den Umweg über die Identifikation mit den Opfern nicht mehr.