Bochum, 17. November 2003
Ganze fünf Delegierte waren es, die am Montagabend auf dem SPD-Parteitag entscheidend waren für das Schicksal von Generalsekretär Olaf Scholz. Dass er um sein Amt fürchten musste, sich an ihm der Unmut der Partei entladen würde, war klar. Dass es so knapp wurde, er bloß eine Mehrheit von 52 Prozent bekam, war dann doch überraschend. Hätten nur sechs der mehr als fünfhundert Delegierten gegen Scholz gestimmt anstatt für ihn, er hätte in den zweiten Wahlgang gehen müssen – mit unkalkulierbaren Folgen für die SPD.

Immer wieder war Scholz in den vergangenen Monaten verantwortlich gemacht worden für die Regierungspolitik, für deren schlechte Vermittlung, für die miesen Umfragewerte der SPD, für die verlorenen Wahlen, für die 30.000 Parteiaustritte allein in diesem Jahr. Eigentlich für alles. Scholz ist bei rechten wie linken Sozialdemokraten gleichermaßen unbeliebt. Als Hamburger verfügt er auf dem Parteitag über keine Hausmacht, sein Landesverband stellt nur zehn Delegierte.

Bei öffentlichen Reden wirkt Scholz stets unterkühlt, technokratisch, hölzern. Auch sein Auftritt in Bochum gelang ihm nicht. Mit eingezogenem Kopf ging er zum Rednerpult. Er mühte sich zu zeigen, dass auch ihn der Zustand der Partei „belastet“. Der gegenwärtige Kurs, sagte Scholz, „fällt uns allen schwer“. Aber das war schon das Äußerste an Gefühligkeit, was er sich erlaubte. Wahrscheinlich hielte er es für verlogen, mit Pathos eine unpopuläre Politik zu verkaufen. Er unterstellt denjenigen, die nach mehr Emotionalität verlangen, sie versteckten dahinter nur ihre Ablehnung der gesamten Politik.

Ausbildungsplatzabgabe, Tarifautonomie, eine höhere Erbschaftssteuer – Scholz’ Rede enthielt viele Bonbons für die Parteibasis. „Wir lehnen eine weitere Absenkung des Spitzensteuersatzes ab“, rief er und bekam sogar etwas Applaus. Aber wahrscheinlich hätte der Auftritt grandios sein können, er hätte trotzdem kein gutes Wahlergebnis bekommen. Im Saal war die Stimmung gehässig. Als er sprach, verschanzten sich viele Delegierte hinter verschränkten Armen. Wenn Scholz sich verhaspelte, machten sich einige darüber lustig. Selbst Gerhard Schröder fischte auf Kosten seines Generalsekretärs nach Beifall: In seiner Rede erwähnte er an völlig nebensächlicher Stelle den „Demokratischen Sozialismus“ – genau den Begriff, den Scholz mit Schröders Einverständnis aus dem Grundsatzprogramm streichen will. Erwartungsgemäß juchzte da der Saal begeistert auf. Scholz saß versteinert auf seinem Platz im Podium, was auch noch in Großaufnahme auf der Leinwand hinter der Bühne gezeigt wurde. Auf den Plätzen des linken Bezirkes Hessen-Süd johlten die Delegierten.

Scholz’ Vorgänger Franz Müntefering machte in einer kurzen Rede vor, wie man die Partei begeistert. Der Niedersachse Sigmar Gabriel hatte einen temperamentvollen Auftritt, den man als Bewerbung für Scholz’ Nachfolge werten könnte. Aber öffentlich wurde der Generalsekretär nicht angegriffen, in der Aussprache wird über alles gesprochen, außer über Scholz. Nur vom Bezirk Weser-Ems und dessen Vorsitzenden Garrelt Duin – einem engen Freund von Sigmar Gabriel – war bekannt, dass die Delegierten gegen den Generalsekretär stimmen wollten.

Schröder erhielt bei den Wahlen zum Parteivorsitz über 80 Prozent der Stimmen. Die Ergebnisse der Stellvertreter reichten von präsidialen 90 Prozent für Wolfgang Thierse über wohlwollende 70 Prozent für die Nachwuchskraft Ute Vogt bis zu 56 Prozent für Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der die ungeliebten Arbeitsmarktreformen verkörpert. Als Clement gefragt wurde, ob er die Wahl annimmt, bewies er Coolness: Er ging noch einmal ans Mikrofon, dankte den Delegierten für ihre Offenheit und versprach, auch er werde weiter seine Meinung offen sagen.

Bei der Scholz-Wahl dauerte es, bis das Resultat verkündet wurde. Es war bereits spät geworden, weil die Parteitagsregie die Aussprache zu Schröders Rede verlängert hatte. Die ersten Delegierten machten sich schon auf zum gemütlichen Abend, auf der Bühne saßen Schröder, sein Generalsekretär und der Rest der Parteispitze. Per SMS hatten sie das schlimme Ergebnis bereits mitgeteilt bekommen, aber brauchten noch Zeit, sich eine Sprachregelung zurecht zu legen. Durch den Saal wanderte die Kunde von Mund zu Mund: „52 hat er“, flüsterte jemand. „Ohje!“ Anders als Clement reagierte Scholz nur mit einem stummen Nicken.