Was waren das für Friedenstage! Getragen vom Pazifismus des Wahlvolkes schlossen der deutsche Bundeskanzler und sein Außenminister "Abenteuer" im Irak definitiv aus. Für einen kurzen Moment im Jahr 2002 schienen Macht und Moral verbrüdert. Existenzielle Fragen der Nation würden in Berlin entschieden "und nirgendwo anders", schallte es aus dem Kanzleramt Richtung Washington. Deutschland war wieder wer.

In Deutschland hat sich ein nationales Selbstbewusstsein gebildet, das nicht mehr auf wirtschaftlicher Stärke, geschweige denn auf militärischer Macht basiert, sondern auf einem Mythos: Es war einmal ein Land, das hatte den Globus zweimal mit Krieg überzogen, bitter dafür bezahlt und seither nichts als Frieden in die Welt getragen. Seine Einwohner leben in der Vorstellung, die eigene Vergangenheit "bewältigt" und aus ihr gelernt zu haben. Völker, denen dies in ihren Augen noch nicht gelungen ist, werden therapiert, ob gefragt oder ungefragt. Dauerpatienten auf der deutschen Couch sind die Amerikaner. Vor allem ihnen fühlt sich das Land der Dichter und Denker moralisch überlegen. Bücher, die das Bild eines friedschaffenden Deutschlands neben das eines kriegslüsternen Amerikas stellen, dominieren die Bestsellerlisten.

Entspricht diese Rollenverteilung der Realität? Zweifel sind angebracht. In einer Welt, in der Krieg auch nach 1945 die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln geblieben ist, sind selbst die geläuterten Deutschen nicht frei von Schuld. Dass es ausgerechnet eine rot-grüne Bundesregierung war, die deutsche Soldaten im Kosovo-Konflikt in den ersten - völkerrechtlich problematischen - Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg geschickt hat, kann als Ironie der Geschichte gelten. Die neue Mannschaft um Gerhard Schröder spielte 1999 gekonnt auf der Propaganda-Klaviatur: Der Verteidigungsminister manipulierte die öffentliche Meinung, indem er im Bundestag fälschlich behauptete, die Serben hätten einen sogenannten Hufeisenplan entwickelt, um ein Genozid an den Albanern zu verüben. Sein Amtskollege aus dem Außenministerium wollte da nicht im Abseits stehen und verglich die "ethnischen Säuberungen" mit Auschwitz. Seine Worte zeigten doppelte Wirkung: Erst zog Deutschland in den Krieg, dann zwangsweise vor Gericht, um sich gegen die Entschädigungsklage serbischer Bombenopfer zu verteidigen. Ein Verhalten, das so gar nicht mit der vier Jahre später geäußerten Kritik an Washingtons Irak-Propaganda harmonieren will. Lieben die Deutschen den Frieden wirklich mehr als die Amerikaner?

Seit dem 11. September 2001 kämpft nicht nur das Weiße Haus an vielen Fronten. Auch das Kanzleramt steuert Operationen in fernen Ländern und macht sich die Hände schmutzig. Enge Kooperationen mit – nach westlichem Verständnis – wenig demokratischen Regimes wie Tadschikistan und Usbekistan, wo die deutsche Luftwaffe einen Flugplatz zur Versorgung des Isaf-Kontingents in Kabul unterhält, gehören zum Tagesgeschäft. Und dies nicht erst seit Gerhard Schröder das Ende der deutschen "Sonderrolle" verkündet hat. Schließlich sind die Amerikaner nicht die einzigen, die heute widerwillig ernten, was sie gesät haben. Auch ihre einst "uneingeschränkt solidarischen" Verbündeten in Berlin sind geneigt, ihre jüngste Vergangenheit zu verdrängen. Am Hindukusch, wo gemäß der Struck-Doktrin nicht nur der Terror bekämpft, sondern gleich ganz Deutschland verteidigt wird, blicken die Mannen des Ministers auf eine Vergangenheit zurück, die für deutsche Verhältnisse noch recht "unaufgearbeitet" ist: Zwischen 1979 und 1989 lieferte nicht allein die CIA für drei Milliarden Dollar Waffen an die Mudschaheddin. Auch der BND unterstützte den Kampf gegen die sowjeti-schen Invasoren. Bundesgrenzschützer der Anti- Terror-Einheit GSG-9 bildeten muslimische Glaubenskrieger aus. Flugzeuge der Bundeswehr brachten Gasmasken, Nachtsichtgeräte, Decken und Zelte in die pakistanische Grenzstadt Peschawar. Islamabads Geheimdienst ISI reichte die Hilfsgüter bereitwillig weiter. War dies eine nachhaltige Friedenspolitik, von der in Deutschland seit 1945 so viel die Rede ist? War dies weitsichtiger als die Talibanisierung Afghanistans durch die Vereinigten Staaten?

Nachhaltig war diese Politik auf jeden Fall, freilich mit umgekehrten Vorzeichen. Heute kooperiert der BND mit dem vormaligen Erzfeind Nummer eins, dem KGB-Nachfolger FSB. Die Mudschaheddin gelten nun als gemeinsamer Gegner. Wie die Amerikaner versuchen die Deutschen, die Geister zu vertreiben, die sie einst riefen. Berlin tauscht mit Moskau Informationen über das Geflecht aus internationalem Drogenhandel, Waffengeschäften und Terrorzellen aus, zu dessen Zentrum Afghanistan nach 1989 geworden war.

Doch nicht in Kabul verläuft die gemeinsame Front. Tschetschenien ist der Schauplatz, wo BND-Präsident August Hanning den russischen Kollegen zur Hand geht. Schließlich soll es sich bei den islamistischen Freiheitskämpfern im Kaukasus um dieselben Kräfte handeln, die ihren Dschihad auf den Westen ausgedehnt haben. Von Georgien aus operieren Pullachs Agenten, um den tschetschenischen Kämpfern ihre Rückzugsräume abzuschneiden. Äußerungen aus Berlin, bei den deutsch-russischen Regierungskonsultationen gehe es auch immer um die Situation in Grosny, erscheinen da in völlig neuem Licht. Politische Rückendeckung erhalten die Bundesnachrichtendienstler direkt aus dem Kanzleramt. Gerhard Schröder ist Wladimir Putin in bester Erinnerung wegen seines Appells vor zwei Jahren: Damals entschuldigte der Kanzler das russische Vorgehen am Kaukasus mit der Bemerkung, in Tschetschenien müsse die Völkergemeinschaft "zu einer differenzierteren Bewertung" kommen.

Im Fall Irak erscheint Deutschland hingegen so friedvoll, wie es nach außen wirken möchte. Doch haben sich die Deutschen wirklich nicht am "Abenteuer" in Nahost beteiligt? Zwar hat sich die Bundesregierung deutlich gegen einen Krieg am Golf ausgesprochen und damit Sympathien in der internationalen Friedensbewegung erlangt, aber dem Nein zum Waffengang folgten keine Taten. Im Gegenteil: Joschka Fischer verkündete im Dezember 2002, ein Angriff auf Bagdad sei auf Grundlage der UN-Resolution 1441 zulässig. Ein Großteil der kriegsrelevanten Transporte lief über Häfen und Flugplätze in Deutschland. Frankfurt Airbase, Ramstein und Spangdahlem waren zentrale Umschlagsplätze der alliierten Logistik. Von Frankfurt gingen zeitweise bis zu sechzig Verbindungen am Tag nach Qatar. Den Vereinigten Staaten und Großbritannien wurden die Überflugrechte und die Nutzung von Militärbasen in Deutschland nicht verweigert. Aus Geilenkirchen starteten fast täglich Awacs-Aufklärungsflugzeuge, um die Luftoperationen über dem Kampfgebiet zu steuern. 2700 Bundeswehrsoldaten bewachten amerikanische Kasernen und ersetzten damit an den Golf abkommandierte US-Soldaten. Von privaten und öffentlichen Anlegern bediente Staatsanleihen in dreistelliger Milliardenhöhe rundeten die Hilfe für Washington ab. Von der bequemen Heimatfront aus beteiligte sich Deutschland erneut an einem völkerrechtlich umstrittenen Krieg, der weder die UN-Charta noch die Genfer Konventionen achtete.

Warum dann aber die offizielle Zurückhaltung im Zweistromland? Kein anderer Staat hat Bagdad bei seinem Waffenprogramm mehr geholfen als die Bundesrepublik. Ob Raketen, Giftgas oder Atombombe, deutsche Firmen lieferten unbefangen. Der Staat hielt sie nicht auf. Nun sucht Washington sowohl nach den Hinterlassenschaften dieser Geschäfte als auch nach freiwilligen Helfern für den Wiederaufbau des abtrünnigen Schützlings. Berlin könnte den amerikanischen Bodentruppen kundige Pfadfinder und erfahrene Bautrupps zur Verfügung stellen. Schließlich ist nation-building die Kernkompetenz der kampfschwachen Bundeswehr. Ein deutscher Weg, den selbst Gorge W. Bush begrüßen dürfte.