S doganare ist ein schönes italienisches Wort. Es bedeutet zollfrei machen. Eine Ware oder ein Mensch bekommt einen Freistempel, damit sie in der Gesellschaft zirkulieren können, ohne Verdacht zu erregen. Gianfranco Fini ist ein Politiker, der in zehn Jahren emsig solche Stempel gesammelt hat. Deshalb muss man sich ihn als Mann vorstellen, der im Besitze eines dicken Dokumentes ist. Wenn heute einer des Weges käme und ihn anspräche: Sind Sie Gianfranco Fini? Sie sind doch der Faschist, nicht wahr? Dann könnte er dieses Dokument aus einer Tasche kramen und sagen: Faschist, sagen Sie?! Das kann nicht sein? Schauen Sie her! Diese Beweise! Besuch in Auschwitz, Verurteilung der Rassengesetze Mussolinis, Besuch im italienischen Konzentrationslager San Saba, Besuch der jüdischen Gemeinde Roms und so weiter und so weiter. Nächste Woche wird Fini auch vorweisen können, was er seit Jahren angestrebt hat. Einen offiziellen Besuch in Israel auf Einladung der Regierung. Danach sind seine Papiere scheinbar endgültig in Ordnung. Was wollen Sie eigentlich?!

Wer Fini heute noch an sein Wort erinnert, dass "Mussolini der größte Staatsmann des Jahrhunderts war" (1994), riskiert den Vorwurf der Larmoyanz. Dieses Zitat kann man ihm noch so oft um die Ohren schlagen. Es wird ihn nicht mehr schmerzen, weil er alles richtig gemacht haben will. Der ehemalige Anhänger Mussolinis will nun ein überzeugter Demokrat sein, und noch dazu ein recht liberaler. Vor wenigen Wochen forderte er zum Entsetzen seiner Koalitionspartner Umberto Bossi und Silvio Berlusconi das Wahlrecht für Ausländer in Italien. Das war ein Coup.

Ist der Mann nun ein Faschist oder nicht? Fini lacht über solche Fragen und gibt seine klassische Antwort. "Der Faschismus ist tot. Was er war, steht in den Geschichtsbüchern." Vergangen, vorbei, aus. Vergessen soll auch die politische Lebensgeschichte des 1952 geborenen Fini sein. Sie ist aufs engste mit dem Movimento Sociale Italiano (MSI) verwoben, der Nachfolgepartei der italienischen Faschisten. Er war ihr Vorsitzender und, wie er selbst sagt, ihr Bestatter. Diese Partei ist tot. Über Tote spricht man nicht, man liest über sie in historischen Werken. Es geht um das Heute, darüber will Fini sprechen, über Fini als Vorsitzenden der Alleanza Nazionale und stellvertretenden Regierungschef. Aus diesem Jetzt heraus will der Mann beurteilt werden.

Also, Vorhang auf für die Gegenwart. In Italien heißt das zunächst: Vorhang auf für Silvio Berlusconi. Er nämlich repräsentiert Finis Heimat wie kein anderer. Er ist Ministerpräsident, weil er reich ist und weil er zahlreiche Medien besitzt. Vor allem aber ist er an der Macht, weil er weiß, was sein Volk im Innersten bewegt und was es kalt lässt. Im September behauptete er, Mussolini habe gar niemanden umgebracht. "Er hat die Leute nur in den Urlaub geschickt. Saddam ist viel schlimmer als Mussolini." Einer dieser Urlaubsorte war die Insel Rab, Kroatien. Hier hatten die Italiener alleinverantwortlich 1942 ein Konzentrationslager für annähernd 10000 Häftlinge errichtet. Das Lager wurde nach der Kapitulation Italiens im Jahr 1943 aufgelöst. In einem knappen Jahr starben 2000 Häftlinge. Die Existenz dieses Lagers ist in Italien kaum bekannt. Die Opposition empörte sich pflichtgemäß über Berlusconis Äußerung, aber der Protest hielt sich in Grenzen. Fini war Berlusconis historisches Urteil sichtbar peinlich. Und doch enthielt dieser Skandal eine Wahrheit, die ihm sehr vertraut ist.

Der Faschismus ist heute in Italien eine Banalität, ein Stück Folklore gewissermaßen. Wer aus faschistischer politischer Tradition kommt, der muss nicht befürchten, dass es für seine Karriere allzu schädlich wäre. Im Gegenteil, es kann sogar nicht schaden, einmal Faschist gewesen zu sein, da viele Menschen Mussolini als großen Italiener sehen, der es eigentlich gut meinte, nur leider von Hitler verführt wurde. "Wir sind Zeugen einer vulgären Banalisierung der gesamten Geschichte. Wir Politiker haben eine beklagenswerte Gewohnheit: Wir benutzen die Geschichte als eine Waffe im politischen Kampf! Darum banalisieren wir alles, auch das, was nicht banalisiert gehört!" Das ist Fini at his best. Politisch korrekt und zweideutig gleichzeitig, scheinbar (selbst)kritisch und doch im Kern banal.

Fini behandelt Geschichte wie einen Kaugummi. Er kaut und kaut darauf herum, bis alles geschmacklos geworden ist. Mussolini, Hitler, Napoleon, Stalin, Dschingis Khan, alles einerlei, einerlei Schrecken. Er spuckt den Geschichtskaugummi aus und sagt: Wie unappetitlich. Wenden wir uns der Gegenwart zu. Das ist alles, was zählt.

Fini ist ein post-ideologischer Politiker. Er hat verstanden, dass mit dem Kalten Krieg eine Epoche zu Ende gegangen ist. Die neue Zeit begreift er als Chance. Nicht aus Zufall hat sein Aufstieg zum beliebtesten Politiker des Landes 1993 begonnen – vier Jahre nach dem Fall der Mauer und mitten im Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems. Damals war es übrigens Berlusconi gewesen, der ihn mit der Bemerkung "Fini ist ein anständiger Politiker" hoffähig gemacht hatte.

Das ist eine Ewigkeit her. Das Attentat vom 11.September hat die Politik in ein neues Zeitalter katapultiert – ein Zeitalter, das George W. Bush mit dem Worten umrissen hat: "Entweder sind sie für uns oder gegen uns!" Freund oder Feind, in dieses Muster konnte sich Fini problemlos einfügen. Berlusconi und damit auch Fini haben sich von Beginn an unmissverständlich auf die Seite Bushs geschlagen. "Was immer George sagt, ich bin einverstanden", umschrieb Berlusconi sein Verhältnis zum US-Präsidenten. Dementsprechend richtete er seine Politik aus. Diese Unterwürfigkeit ist bei genauerem Hinsehen nichts als die Sehnsucht der italienischen Regierung nach neuer Stärke. Hier schließt sich der Kreis mit der jüngeren Geschichte des Landes und seinem Produkt: Fini.