DIE ZEIT: Die Pharmaindustrie hat in den vergangenen Jahren so genannte Insulinanaloge auf den Markt gebracht, die gentechnisch hergestellt und mittlerweile Hunderttausenden Diabetikern gespritzt werden. Es fehlen aber Langzeitstudien über ihre Unbedenklichkeit. Wie erklärt es sich, dass sie dennoch von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, der DDG, empfohlen werden?

Ernst Chantelau: Man kann nur vermuten, dass dort andere Interessen dahinterstehen. Denn obwohl diese Kunstinsuline sehr viel teurer sind als ihre Vorgänger, haben sie nicht zu einer relevanten Verbesserung des Blutzuckers bei Diabetikern geführt und auch die Unterzuckerungen, die gefürchtet werden, nicht herabgesetzt. In Amerika müssen Mediziner und Wissenschaftler, die für die Pharmaindustrie arbeiten, ihre Artikel kennzeichnen, sie müssen auf einen conflict of interest verweisen. Wir haben in der Deutschen Diabetes-Gesellschaft mit einer hauchdünnen Mehrheit einen Beschluss durchgesetzt, dass die Verfasser von Leitlinien zur Diabetes-Therapie – die macht die DDG ja auch – ebenfalls ihren conflict of interest erklären müssen. Passiert ist jedoch nichts. Die nächste Leitlinie kam heraus, und es stand nicht drin, dass einige ihrer Autoren ständig Geld von der Pharmaindustrie erhalten.

ZEIT: Was hat denn die Entwicklung der Insulinanaloge angestoßen, die ja einen wirklichen Höhenflug erleben?

Chantelau: Der Grund ist, dass die Industrie ständig neue Produkte braucht. Zunächst hat sie die Insuline vom Schwein und vom Rind physikalisch verändert, um so ihre Wirkungsweise den therapeutischen Bedürfnissen anzupassen. Mit der Gentechnik hat sie dann Humaninsulin auf den Markt gebracht. Wir haben es in Studien mit dem alten Insulin verglichen und gesagt: Das brauchen wir nicht, es ist nicht besser als das Schweineinsulin, nur sehr viel teurer. Da haben sie den Preis für das Schweineinsulin so hoch gesetzt, bis wir kein Argument mehr hatten.

ZEIT: Das war Mitte der achtziger Jahre. Da hat die Pharmaindustrie aber offenbar auch schon an Insulinanalogen gearbeitet.

Chantelau: Ja, die Pharmaindustrie nennt das analoges Insulin, es ist aber tatsächlich ein genetisch manipulierter Abkömmling. In der Pharmaindustrie hat man sich gefragt: Wie ist die Struktur des Insulinmoleküls, wie kann man sie verändern, und was für Folgen hat das für die physikalisch-chemischen Eigenschaften? Über die biologischen Eigenschaften, über die Gesamtwirkung auf den Körper, wusste man nichts. Und dann hat sich in Versuchen herausgestellt, durch Zufall eigentlich, dass dieses erste entwickelte Kunstinsulin das Zellwachstum fördert und damit auch das von Krebs. Es hatte bei weiblichen Ratten zu Brustkrebs geführt. Doch nicht die Firma selbst, Novo Nordisk, sondern die Konkurrenz hat das an die große Glocke gehängt.