Nun ist Rowohlts schöne Nabokov-Ausgabe im geheimnisvollen Reich der späten Romane des Meisters angelangt. Wir betreten es durch die leichter zugängliche Hintertür – das eher verschlossene Fahle Feuer und die dunkel leuchtende Ada stehen noch aus. Was nun in einem Band zusammengefasst vorliegt, sind die letzten Romane, die Nabokov vollendet hat, die novellenhaft knappen Durchsichtigen Dinge aus dem Jahr 1972, sein 16. Roman, und das 320 Seiten starke Werk Sieh doch die Harlekine! von 1974. Zwei Romane mit der etwas anrüchigen Anziehungskraft so genannter letzter Worte. Und seltsam: Die Durchsichtigen Dinge werden uns, wie wir vor allem dank des Nachworts begreifen, von Toten erzählt, die durch die Lebenden in die Tiefen der Zeit hindurchblicken können, was duftige nabokovianische Bilderfluchten verspricht. Die Harlekine sind eine satirische Variation auf Nabokovs zum Sterben schöne Memoiren Erinnerung, sprich. Beide Romane leuchtet der 65-seitige, fabelhaft detailversessene Kommentar des Herausgebers Dieter E. Zimmer bis in die gewundensten Windungen aus. Gediegen werden sie dargeboten, diese raffinierten Spätwerke Nabokovs, wir müssten auf den Knien liegen. Tun wir es?

Wir finden fast alles wieder, was uns einst zu Nabobov-Süchtigen machte. Regelmäßig punktieren in den Durchsichtigen Dingen Nabokovs Qualitätsmetaphern den Text. "Ein letztes Interview mit dem Spiegel" – wenn einer die Wohnung verlässt. "Ein Loch (wurde) in die Hecke ihrer Bewusstlosigkeit gezupft" – wenn eine halb erwacht. "Made in Turkey, flüstert" ein Etikett. Keiner kann einem wie Nabokov mit einem Minimum an Wörtern diese kleinen poetischen Levitationen verschaffen. Keiner kann das Sich-Erheben einer dicken Dame aus ihrem Sessel so umstandskrämerisch, komisch und präzis beschreiben wie er. Alles kommt in dieser hageren, aber sehr muskulösen, fürs Sanfte wie fürs Frostige, fürs Verspielte wie fürs ironisch Formelle gleich begabten Sprache daher, die auch nach Jahren noch keinen Altersstaub angesetzt hat. Alles ist psychologisch akurat und doch frei von allem Innerlichkeitsschwulst. Wenn dann mit dem metaphysischen Durckblick der Toten die Erzähler einen Bleistiftstummel durch die Zeiten tanzen lassen (aus der klemmenden Schublade zurück in die Bleistiftfabrik und noch weiter bis zum Baum des Herkommens), dann ist das Lesevergnügen streckenweise fast auf Pnin -Höhe.

Dennoch lässt es sich nicht verschweigen, dass man sich an diesen funkelnden Einzelheiten so sehr erfreut, weil das Ganze ein wenig freudlos ist. Zwar wird uns die Handlung der Durchsichtigen Dinge in teilweise aberwitzig kühnen Schwüngen und Sprüngen dargeboten. Aber der Held Hugh Person, von Beruf Lektor und dem Schicksal nach erfolgloser Liebender und später unfreiwilliger Gattinnenmörder, zählt zu Nabokovs uninteressanteren Erfindungen. Weder als Liebender noch als Literat kann er seinen anziehenden oder wenigstens komplexen Verwandten aus Pnin, Lolita oder gar Die Gabe das Wasser reichen. Und was die Idee betrifft, das Buch von einem Toten, dem Schriftsteller R., zu Lebzeiten Persons Klient, erzählen zu lassen – selbst ein so kluger Leser wie John Updike hat sie seinerzeit nicht verstanden. Inzwischen sind wir dank der als Nachwort getarnten Gebrauchsanweisung allesamt klüger, was die Sache aber nicht besser macht. Mit Misstrauen darf man jedenfalls der Behauptung des Nabokov-Biografen Brian Boyd begegnen, Nabokov habe hier "die Beziehung von Leser, Charakter und Autor radikaler gebrochen als je", und er habe das getan, um einige seiner ältesten Themen, darunter die Natur der Zeit, zu erforschen. Dass Erzähler durch ihre Figuren hindurchblicken können, ist nicht überaus originell. Und man muss wohl ein liebesblinder Nabokovianer ein, um den Umstand, dass die Toten hier zwar durch die Gegenwart und die Vergangenheit, nicht aber in die Zukunft blicken können, als tiefsinnige Bestätigung der menschlichen Freiheit und als tiefgründige Reflexion auf die Zeit durchgehen zu lassen. Im Übrigen spielt diese etwas verquälte Idee mit dem toten Erzähler in drei Vierteln des Romans gar keine Rolle.

Bei Sieh doch die Harlekine! räumen sogar die Nabokovianer ein, dass er Nabokovs unvergnüglichster Roman sei. Als Leser, der keinen ästhetischen Rabatt gibt, müsste man Martin Amis Worten anlässlich der englischen Erstausgabe eigentlich wenig hinzufügen: "Die wirklich enervierende Schwäche des Buches ist die Ungeschliffenheit seiner Prosa. Im ganzen Buch fand ich nur vier Passagen, die wirklich beunruhigend und schön waren; in einem früheren Nabokov wäre es schwierig, so viele zu finden, die das nicht sind."

Selbst Boyd gesteht, er habe den Roman lange für einen ermüdenden selbstbezüglichen Scherz gehalten. Auch der Herausgeber nennt den Ton des Werks "unkonzentriert, ausweichend, wegwerfend, bald bis zur Unverständlichkeit hingehuscht, bald ebenfalls bis zur Unverständlichkeit umständlich". Aber dieses anstrengende Konstrukt sei nun mal Nabokovs Art, sich für den schrecklich indiskreten, voreingenommenen und schlecht informierten Biografen Andrew Field mit einer leider mühsamen Selbstparodie zu rächen (an wem? Am Leser?). Immerhin führe Nabokov die Leser dabei mit vielen, überaus erlesenen falschen Fährten sehr kunstvoll in die Irre, das Buch wimmle nämlich nur so von äußerst trickreichen und angeblich auch witzigen Anspielungen auf des Verfassers Leben und Werk im Besonderen und auf die Weltliteratur im Allgemeinen, von denen man allerdings, wie der Herausgeber offenherzig einräumt, "ohne Kenntnis von Nabokovs Werken rein gar nichts (verstehe)".

Aber dafür haben wir ja die Anmerkungen. Sie haben in dieser Ausgabe fast den Rang einer eigenen paraliterarischen Gattung erreicht und sind, wie wir fast ohne Ironie festhalten, vielleicht der vergnüglichste Teil dieses Bandes. Wer dafür geschaffen ist, kann sich in diesem philologischen Paradiesgarten endlos verirren. Er lernt, wer den Bleistift erfunden hat, und vernimmt, anlässlich eines Patzers des dummen Vadim N., dass der mit "Avenue Koch? Roche?" wahrscheinlich "die 120 Meter breite vornehme Avenue Foch zwischen Étoile und Bois de Boulogne im 16. Arrondissement, benannt nach Marschall Ferdinand Foch (1851–1929)" meine. Er gerät ins Sinnieren über Nabokovs Herrenhumor anlässlich des Eintrags "Die Umstellung in Cnut ergäbe engl. Cunt, Möse" und freut sich über den fast unfreiwilligen Humor der Mitteilung, Nabokov habe am 9. August 1971 während der Arbeit an den Durchsichtigen Dingen einen Apollofalter zu Sammlungszwecken erlegt und den daraufhin in Form einer Anspielung "wahrscheinlich" im Roman erwähnt.

Gern hätten wir auch erfahren, warum uns in diesem so luxuriösen und hinreißenden, erläuternden Überfluss vorenthalten wird, dass Nabokovs den Tod präludierendes "Bimbam"-Glöckchen ohne Zweifel auf Shakespeares ding-dong bell aus Ariels Lied im Sturm zurückgeht. Doch sei’s drum – das Vergnügen an diesem glänzenden Kommentar zu zwei Romanen, über die man sehr geteilter Meinung sein kann, steigert nur die Vorfreude auf den bevorstehenden Zimmerschen Kommentar zum Meisterwerk der Ada.

Und die Übersetzung? Die Durchsichtigen Dinge liegen in der fast makellosen Übersetzung Dieter E. Zimmers vor – ein Vergnügen für Satzrhythmiker und traumhaft im feinen lexikalischen Anschlag. Die Harlekine gibt’s in der zuverlässigen Übertragung von Uwe Friesel, der pfiffig ist, wenn er am goldrichtigen Ort "swiss" mit "eidgenössisch" wiedergibt, aber weniger pfiffig, wenn er die genau das Gegenteil bedeutenden Wendungen "nicht weniger" und "nichts weniger" verwechselt und "nicht umhin kommen" statt "nicht umhin können" sagt, und eine "Straße zwischen Villen entlang" sich winden lässt, was in der Verdeutschung eines philologischen Beckmessers wie Nabokov immerhin seltsam anmutet.