Unten, im Halbrund des Pathologie-Hörsaals, steht Adriano Aguzzi und kämpft um Aufmerksamkeit. Es ist acht Uhr morgens im Universitätsspital Zürich. Die Ränge sind voll besetzt. Der handliche Laptop des Chefs der Neuropathologie wirft immer neue Bilder von durchlöcherten, geschrumpften und verklumpten Geweben an die Frontwand. Pausenlos rollen aus seinem Mund, italienisch eingefärbt, Krankheitsnamen: "Parkinson-Chorea-Huntington-Veitstanz-nicht-normal-sollten-Sie-sich-merken…" Die Stifte der Studenten fliegen, aber in ihren Gesichtern liegt Ratlosigkeit. "Kann mir einer sagen, was das hier für eine Struktur ist?" Aguzzi deutet auf einen zerfransten Gehirnquerschnitt. Schweigen im Saal. "Come on!", empört sich der Dozent.

Aguzzi ist Geschwindigkeit. Und für Menschen, die ihm auf seinem Parforceritt durch die Wissenschaft nicht folgen können, empfindet er wenig Mitleid. "Ja", sagt er auf dem Weg in sein Büro, "manche Studenten beklagen sich, dass meine Vorlesung zu wissenschaftlich ist." Dabei zirkelt er mit dem Finger eine Verteilungskurve in die Luft. "Es gibt einige unterdurchschnittliche Studenten, viel Mittelmaß und wenige Überflieger." Auf diesen kleinen, oberen Teil zielt er. Aus diesem Reservoir rekrutiert er die Mitstreiter für sein ehrgeiziges Projekt: die Enträtselung der Prionen, der infektiösen Eiweiße, die den Rinderwahnsinn auslösen.

Ende Oktober wurde Adriano Aguzzi im Reichstagsgebäude der Robert-Koch-Preis verliehen, kurz darauf folgte der Ehrendoktor der Universität Bologna. In seinem engen Büro ist, dem Schreibtisch vis-à-vis, eine ganze Wand mit gerahmten Auszeichnungen gepflastert. Er leitet ein Labor mit über 30 Mitarbeitern – gerade wuchert es ein Stockwerk tiefer. Jede Woche überflutet seine Arbeitsgruppe die renommiertesten Journale mit neuen Studien.

Der Norditaliener Adriano Aguzzi ist mit 42 Jahren der BSE-Star der Medien – und nun scheint sich seine Lebensaufgabe in Luft aufzulösen. Es gibt kaum noch BSE-Fälle, und die große Epidemie der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, wie BSE beim Menschen genannt wird, ist ausgeblieben. "Abklingender Wahnsinn", diagnostizieren die Zeitungen. "Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen", sagt Aguzzi.

Jetzt zahlt das US-Militär für Aguzzis Prionen-Forschung

Was tut ein High-Speed-Forscher, wenn sein Thema aus der Mode kommt? "Endlich forschen", antwortet er, "dazu bin ich ja vor lauter Anfragen gar nicht mehr gekommen." Noch immer sei wenig bekannt über den seltsamen Rinderwahn, bei dem angeblich fehlerhaft gefaltete Eiweiße, so genannte Prionen, ihr gesundes Pendant im Hirn von Tier und Mensch verbiegen und das Gewebe zersetzen. Gut, dank seiner Hilfe sei einigermaßen gesichert, auf welchem Wege sich die Prionen durch den Körper bewegen. "Das fehlen jetzt nur noch wenige Details", sagt er stolz. Aber darüber hinaus? Viele Modelle, keine Daten: Was ist die normale Funktion des gesunden Eiweißes? Warum schädigen die Ablagerungen das Gehirn überhaupt? Und die größte und wichtigste Frage: Wie sieht das fehlgefaltete Protein überhaupt aus? "Niemand hat es bisher gesehen."

Fällt es einem Wissenschaftler nicht schwerer, die Mittel für die Forschung aufzutreiben, wenn das Medieninteresse schwindet? "Nein", sagt Aguzzi, "da haben wir überhaupt keine Probleme." Gerade erst habe das amerikanische Verteidigungsministerium zwei Millionen Dollar zugesichert: "Die haben Soldaten in allen möglichen Gegenden der Welt, in denen es BSE gibt." Das US-Militär als fürsorglicher Ausputzer.