Keine Squaw, keine Kurtisane, keine Braut: Wenn die Frau, die sich Pink nennt, in ihrem neuesten Video eine Stadt im Wilden Westen heimsucht, kommt sie als Fremde in ein fremdes Genre. Der Rock sitzt kurz, der Ausschnitt tief, es ist viel zu sehen vom rosig-drallen Fleisch, doch hindert die unpraktische Aufmachung nicht beim großen Cowboy-Vermöbeln. Der Schmied muss dran glauben, weil er die Pferde schlecht behandelt, der Barkeeper, weil er keinen Whisky an Frauen ausschenken mag, und der Sheriff, weil er ihr an die Wäsche will. Am Ende stapft Pink die Treppen des Saloons hinauf und reißt die Freier runter von den Mädchen, raus aus den Gemächern und schmeißt sie rüber übers Geländer.

Der Clip, zurzeit ein Dauerbrenner auf allen Musikkanälen, lässt wenig Interpretationsspielraum in der Frage, wie die amerikanische Sängerin sich zu sehen wünscht: als Rächerin der Geschundenen, als große Einreiterin und Usurpatorin männlicher Domänen. "I’m trouble, yeah trouble now!", schreit sie gleich dutzendfach, während wieder einer über die Brüstung geht. Jeder Song, ja nahezu jedes von ihr in Umlauf befindliche Bild wiederholt die Botschaft vom Mädchen, das sich nichts gefallen lässt, das unzähmbar bleibt, während gleichzeitig viel Haut und Herz hergezeigt wird. Und doch ist die Produktion sexueller Images so offensichtlich, die Inszenierung so Comic-artig, dass eine überlegene Ironie aus den Bildern zu sprechen scheint. So schlagkräftig sind sonst bloß Kunstfiguren: Xenia, die schöne Barbarin aus dem Vorabendprogramm, oder Lara Croft.

Pink, die eigentlich Alicia Moore heißt und 24 Jahre alt ist, gehört zweifellos zu den komplexeren Erzählerinnen im großen Märchen des Mainstream-Pop. Sie ist die Einäugige unter den Betriebsblinden, eine monströse Pubertandin im Reich der Perfekten. Statt Allmachtsfantasien bloß zu bedienen, liefert sie auch den Kommentar auf den industriellen Zwang zur Allmacht. Und wo andere mit Millionenbudgets bloß noch den Willen zur Unterwerfung in Szene zu setzen vermögen – der Zielgruppe wie des eigenen Fleischs –, wirbt sie mit einem symbolischen Überschuss, einem Rest von Punk und Experiment. Try this heißt ihr gerade erschienenes Album: bloß ein Angebot, Risiken und Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen. In Zeiten wie diesen, in denen erfolgreiche Frauen im Pop immer disziplinierter und geometrischer werden, ihren Körper desto verzweifelter ausstellen, je mehr er paradoxerweise verschwindet, ist das viel. Sehr viel sogar.

Sexy Vamp, taffe Karrierefrau und gute Mutter zugleich sein – längst ist aus dem Versprechen der Popkultur, dass alles möglich sein kann, der Zwang zu unbegrenzten Möglichkeiten geworden, spürbar noch in der biedersten Shampoo-Reklame. Was das für die Karrierewege von Frauen bedeutet, beginnt sich gerade erst abzuzeichnen. War Madonna, diese Meisterin von Camp und Maskerade, einst auch geübt darin, den voyeuristischen Blick zu spiegeln, Rollenklischees vorzuführen, ist davon jetzt nur noch der Drill zu spüren, der dazu nötig ist. Madonnas kleine Schwestern, Kylie Minogue oder Britney Spears, die derzeit ebenfalls mit neuen Platten am Start sind, beherrschen vom Spiel allenfalls die Regeln: Fleiß, Fleiß und nochmals Fleiß. "Baby, lose control", feuert die Ahnherrin die 20 Jahre jüngere Britney in ihrem neuen Video an, aber das Baby – und da hilft auch kein lesbischer Kuss am Ende – hat keine Zeit für Kontrollverlust, es muss an seinem Körper schuften.

Ach, wäre Britney nur die Einzige! Doch auch das Fleisch von Kylie Minogue will unablässig konturiert, poliert, inspiziert sein: Der Übergang vom Sternchen in einer Fernseh-Soap und kleineren Zugpferd in der Hitfabrik Stock, Aitken & Waterman zum veritablen Popstar muss, notfalls im Zickzackkurs der Images, mit Hits und Dauertourneen immer wieder neu vollzogen werden, als sei er nicht von Dauer. Das Synthetische, das grenzenlos Formbare – in Wahrheit ist es nämlich auch ein Problem: Das Publikum langweilt sich schnell, je perfekter es bedient wird. Kunstprodukten wie Kylie und Britney, die ihre ersten Liedchen schon trällerten, bevor sie einen einzigen selbstständigen Gedanken denken konnten, hinter denen ehrgeizige Mütter und svengalihafte "Entdecker" stehen, bleibt bloß, die Projektion von Clip zu Clip weiter zu treiben. Androgyne Kindfrau wollen sie nicht sein, um die Trennung der Geschlechter auf später zu vertagen, sondern um Beschützerinstinkte zu wecken – und natürlich Kaufkraft.

Es sagt viel über den Zustand des Gewerbes, dass Pink selbst bei einem Casting entdeckt wurde – bald wird sich die Produktion von Popstars ganz in einen Raum verlagern, den die moderne Kulturindustrie mit ihren Rekrutierungstechniken erst geschaffen hat. Und doch: welche Wohltat! Neben dem eisernen Willen zum Erfolg gibt es zumindest organische Reste von "Biografie" und eigener Geschichte. Dass sie als Scheidungskind groß geworden ist, erzählt Pink in einem ihrer Lieder, dass sie notgedrungen zum bad girl wurde, zur griesgrämigen Außenseiterin, die zweimal von der Schule flog. "I can make you scream!", droht sie mit zugekniffenen Augen, bleibt aber nahbar. Wie auf dem Vorgängeralbum, lässt sie auch auf Try This die Tränen ungehemmt fließen, allerdings nicht zum Zweck der Katharsis wie im Folk – dazu klingt ihre Musik zu sehr nach Skaten und Surfen –, sondern um hübsch theatralisch zu sein. Ganz nebenbei geht es natürlich darum, handlungsfähig zu werden: Rache ist Blutwurst.

Die Femme fatale, die phallische Frau, die Wuchtbrumme – sie ist hier nicht nur männliche Angst- und Wunschfantasie, sondern Botschaft an die Kinder des Postfeminismus: Teenager und Twens, die zu jung waren für die aufmüpfigen Mädchen im Punk, die die Riot Grrrls verpasst haben, weil sie gerade mit Mode und den vielfältigen Errungenschaften des Medienzeitalters beschäftigt waren und über dem Widerstand gegen ihre protestbewegten Eltern ganz vergessen haben, dass auch heute noch verkehrt leben könnte, wer sich nicht wehrt. Pink bringt eine Ahnung davon zurück. Wenn sie manchmal predigt, dann vergessene Weisheiten: dass der Taillenumfang einer Frau sich nicht umgekehrt proportional zu ihrer sozialen Stellung verhalten muss; dass der Weg, der zu gehen ist, auch darin bestehen könnte, überbordende Maßlosigkeit zu kultivieren. Für weiße Mittelstandsfrauen schon lange kein Thema mehr. Wenn eine Musikerin Fülle in Szene setzen will, musste sie bislang schwarz sein, man denke an Queen Latifah, Neneh Cherry oder Missy Elliott.

Ist das viel? Ist das wenig? Es ist schlichtweg alles. Alternativen zu dieser kultivierten, natürlich letztlich auch kalkulierten Zügellosigkeit gibt es auf dem Feld jüngerer weiblicher Mainstream-Popstars kaum. Avril Lavigne, das Mädchen aus einer kanadischen Kleinstadt: eine mit Kajal etwas aufgemotzte Reprise des girl next door. Norah Jones singt schön, aber auch so gediegen und pfeifenraucherhaft, wie Jung und Alt sich heutzutage "Jazz" vorstellen. Alicia Keys, das 22-jährige Wunderkind am Klavier aus New York, ist eine der wenigen schwarzen Soulsängerinnen, für die nackte Haut nicht die unabdingbare Voraussetzung für Seelenstriptease zu sein scheint – wenn demnächst ihr neues Album erscheint, wird sicher wieder hysterisches Lob auf sie niederprasseln. Und doch gehört auch sie zur Riege der neuen Nettigkeit: frischen und meist ein wenig frommen Frauen, die nichts wollen als Gott ehren und möglichst lange im Geschäft bleiben. Solange sich mit ein paar Stiefeltritten in Song und Bild so viel Punk entfesseln lässt, wie Pink das vormacht, wird sie die Popwelt vom Cover der Bravo herab grüßen. Sehr zum Vergnügen ihrer Fans.