In Jena hat ein junger Mann strenge Bemerkungen über Studenten gemacht, die zielgerichtet studieren, um des Berufs willen. Er hat dies in verschachtelten Sätzen getan, wie sie heute unter Studierenden kaum noch üblich sind. Und zwar in seiner Antrittsvorlesung im Mai 1789, als sich in Versailles die Generalstände zur Nationalversammlung konstituierten. Denkwürdiger Augenblick, viel Vergangenheit im Schlepptau, viel Zukunft im Blick, möglichst die Selbstbefreiung der Menschheit! Was dieser 29-Jährige, lange fast ohne Einkommen und hoch verschuldet, da vortrug, klingt so:

"Anders ist der Studierplan, den sich der Brotgelehrte, anders derjenige, den der philosophische Kopf sich vorzeichnet. Jener, dem es bei seinem Fleiß einzig und allein darum zu tun ist, die Bedingungen zu erfüllen, unter denen er zu seinem Amte fähig und der Vorteile desselben teilhaftig werden kann (…) – ein solcher wird beim Eintritt in seine akademische Laufbahn keine wichtigere Angelegenheit haben, als die Wissenschaften, die er Brotstudium nennt, von allen übrigen, die den Geist nur als Geist vergnügen, auf das sorgfältigste abzusondern." Eine "Sklavenseele", wer bloß an sein Einkommen denkt! Meinte Friedrich Schiller vor 214 Jahren, als in Jena etwa 770 Studenten studierten, in seiner Vorlesung Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?

Wie das Ideal auf Erden landete

Das war die Flughöhe des Idealismus, dessen Geist die Entstehung der Humboldtschen Universität des 19. Jahrhunderts inspirierte. Diese Universitäten waren die geistigen Zentren des Landes. Bis immer mehr Studierende in die Hochschulen zogen. In Jena sind es heute allein an der Uni fast 19000. Im Westen ging die Öffnung seit den siebziger Jahren mächtig voran, im Namen der Chancengleichheit: 11,3 Prozent eines Jahrgangs hatten sich 1970 eingeschrieben, im Jahr 2000 waren es dreimal so viele, da begann in Deutschland jeder dritte Abiturient zu studieren. Im Wintersemester 2002/03 waren 1930923 Studierende an 359 Hochschulen immatrikuliert, nun wird wohl erstmals die zwei Millionenmarke überschritten, und geht es nach dem Willen von Politikern und Experten, dann soll in Zukunft jeder Zweite studieren. Nur hat die alternde Gesellschaft, die fast alle Mittel für die soziale Sicherheit reklamiert, für die Universitäten zu wenig übrig. Studierende, die merken, dass die Gesellschaft von Ausbildung wenig hält, sind unsicher, was sie mit ihrer Zukunft anstellen sollen, und zappen sich durch die Möglichkeiten. Seit Jahrzehnten errechnen die Bildungsforscher, wer gebraucht wird, wer nicht, und die Zahl der Studienabbrecher stellt die Qualität der Universitäten gründlich infrage. Der Idealismus ist auf Erden gelandet. Auch in Jena.

Freischwebende Brotgelehrte

Lutz Merbold könnte man, jenseits von Schillers Unterscheidung, einen Freigeist wie einen Brotgelehrten nennen. Im Hauptgebäude der Universität am Fürstengraben in Jena sitzt der junge Mann im Büro des Studentenrats, tief in eine Sofaecke gelehnt. Die Arme verschränkt, Jeans großflächig repariert, sagt er, dass ihn mit der großen Tradition Jenas wenig verbinde. Sicher, die Vorlesungen in Wissenschaftsgeschichte sind interessant. Aber hier studiert er vor allem, weil die Zukunftsaussichten besser sind, vielleicht, und die individuelle Betreuung auch, relativ gesehen. Er will zügig durchkommen und bald einen Beruf haben, der Spaß macht. Etwas an der Uni vielleicht, wer weiß.

Lutz Merbold ist 23, studiert im 7. Semester Biologie, Hauptfach Ökologie, weil das alles von der Botanik bis zur Molekularbiologie vereint. Warum er Biologie studiert? "Da kann man viel draußen sein an der frischen Luft." Leichte Ironie schützt vor Pathos, keine Wichtigtuerei bitte.