Ist die Gesellschaft tatsächlich schon "weiter" als die Politik? Manchmal ja – zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, einem aussterbenden Bundesland, wo unter der Schirmherrschaft von S uper Illu TV kürzlich ein bemerkenswertes bevölkerungspolitisches Experiment ablief. Die Veranstaltung hieß "Poppen für Meck-Pomm", das Ziel war die schnelle Steigerung des Babyaufkommens – unter Einsatz von Kerzen, Alkohol und extra angemieteten Hotelzimmern für fortpflanzungswillige Pärchen.

So weit ist die Politik wirklich noch nicht. Aber unsere Nachwuchs-Lage erfordert in der Tat fantasievolle Vorschläge: Die Nettoreproduktionsrate sinkt seit Jahren und ist jetzt bei 1,29 angekommen. 2,1 Kinder pro Elternpaar wären aber nötig, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. In 50 Jahren wird mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung älter sein als 65 Jahre, während in freier Wildbahn nur noch 15 Prozent Kinder und Jugendliche herumlaufen werden.

Dass Deutschland an einem Fortpflanzungs-Blackout leidet, haben alle Parteien erkannt. Die CSU stellte gerade ein hoch kontroverses Konzept für eine "Kinderrente" vor; sie soll die Altersversorgung von Eltern verbessern und dafür die Kinderlosen mit höheren Beiträgen belasten. In der SPD zeigen die verkrampften Formulierungen, dass man zwar etwas tun möchte, aber in der eigenen Partei immer noch mit Widerstand gegen alles rechnet, was ungute Erinnerungen an den Nazi-Begriff "Bevölkerungspolitik" weckt.

Falsches Rezept "Familiengeld"

"Deutschland 2010 – Zukunft mit mehr Kindern" hieß denn auch der sich harmlos gebende Leitantrag zum SPD-Parteitag vergangene Woche. Niemand soll "Mutterkreuz" schreien können, aber die Deutschen sollen auch nicht aussterben. Es ist gut, dass Familienpolitik ins Zentrum der Debatte rückt. Die Rezepte für mehr Kinder freilich klingen eigentümlich mechanistisch und ökonomistisch: Vor allem die "Opportunitätskosten", also die Verdienstausfälle der Mütter während der Kindererziehung seien es, die Frauen heute daran hinderten, Kinder zu bekommen. Folglich bekämpft die SPD den neuen Feind mit Plänen für eine umfassende Kinderbetreuung, möglichst von null bis 18 Jahre und rund um die Uhr. Auch die CDU ist für die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf", ergänzt um ein "Familiengeld", das es erschwinglich machen soll, daheim zu bleiben.

Nun müsste man schon ein bisschen wahnsinnig sein, um sich gegen Kinderbetreuung und mehr Geld für Familien zu wehren. Und doch bleibt das nagende Gefühl, dass das Leben so nicht funktioniert. Dass sich Paare nicht vor den Taschenrechner setzen, ihr erstes Kind durchrechnen und dann bedauernd sagen: Es geht nicht Schatz, die Opportunitätskosten sind zu hoch. Die gewichtigere Rolle bei der Entscheidung spielen Lebensstil, aktuelle Karrieresituation, Freundeskreis, Vorbild der Eltern und persönliche Definition des Begriffs "Wochenende". Der Hauptgrund für die geplante Kinderlosigkeit ist so groß, dass wir ihn offenbar völlig übersehen: Die gesamte Kinderfrage hängt nach wie vor an den Frauen.

Wieso? Nach 30 Jahren ist der Feminismus in Deutschland, aller Jammerrhetorik der Frauenbeauftragten zum Trotz, äußerst erfolgreich gewesen, was Selbstbestimmung und Chancen der Frauen betrifft. Mehr Mädchen als Jungen legen heute das Abitur ab, und das mit besseren Ergebnissen. Frauen studieren ebenso oft und erfolgreich wie Männer, Promotionen und Habilitationen nehmen zu. Die Politik steht den Frauen dank der Quote bis hin zur Kanzlerkandidatur offen. In der Wirtschaft mag es noch die viel zitierte "gläserne Decke" geben, die den Frauen den Aufstieg nach ganz oben verwehrt, doch deren Sprengung ist nur noch eine Frage der Zeit.

Alles, alles hat sich für die heutige Entscheiderinnen-Generation zwischen 30 und 40 im Vergleich zu deren Müttern geändert: die Spielräume, die Freiheiten, die Anforderungen. Nur die Männer sind gleich geblieben, jedenfalls soweit es um die Pflege des Nachwuchses geht. Es ist kein Zufall, dass jeder demografisch Interessierte jene 44Prozent Akademikerinnen herbeten kann, die kinderlos bleiben, und dass niemand die entsprechende männliche Vergleichszahl kennt. Kinder sind Frauensache, immer noch. Natürlich gibt es dafür biologische Gründe: Bonding spielt sich nun einmal zwischen Mutter und Kind ab, noch werden die Babys nicht aus Flaschen entkorkt. Offensichtlich ahnen aber gerade die gut ausgebildeten Frauen, dass sie zwischen einem Kind, an dem sie hängen, und einer anspruchsvollen Karriere zerrieben werden – und entscheiden sich immer später und immer seltener für das Kind.