Bereits im August des Jahres verurteilte Liebel, der sich dem "altdeutschen" Brauchtum verpflichtet fühlte, in einem Zeitungsartikel die einstige Verlegung "von seiner durch Überlieferung geweihten Stätte" und schrieb sie "undeutschen und rassefremden Einflüssen" in der Stadtverwaltung zu: "Es ist für die damalige Entwicklung außerordentlich kennzeichnend, daß ausgerechnet der Jude Hecht als Gemeindebevollmächtigter im Marktausschuß die Verlegung des Christkindlesmarktes auf die Insel Schütt beantragte und daß er mit diesem Wunsch bei seinem Rassegenossen, Magistratsrat Kohn, außerordentliches Verständnis fand." Die Verlegung des Christkindlesmarkt war, so mutmaßte Buchdruckereibesitzer Liebel, eine Folge niedriger Beweggründe: "Ob den Juden Hecht und Kohn die von ihnen bewerkstelligte Beseitigung gerade des Christmarktes von der Stelle des ehemaligen Ghettos nicht eine gewisse Genugtuung war?"

Liebel spielte damit auf die Geschichte des Ortes an. Denn ursprünglich, im hohen Mittelalter, noch vor Nürnbergs großer Zeit, war der Platz bloß eine sumpfige Niederung nahe der Pegnitz, wenig begehrtes Bauland, auf dem sich jüdische Händler niederlassen durften. Nachdem das Areal trockengelegt und von einer erweiterten Stadtbefestigung umschlossen worden war, weckte das nunmehr im Herzen Nürnbergs gelegene Grundstück Begehrlichkeiten, da die Stadt bis dato über keinen großen Marktplatz verfügte.

Karl IV., der als deutscher König zugleich auch oberster Schutzherr der Juden war, gestattete am 16. November 1349 auf Bitte des Rates nicht nur den Abbruch des Judenviertels, er verzieh der Stadt im Voraus für den Fall, dass seine Schutzbefohlenen Schaden erleiden sollten. Es kam, wie es kommen musste – und endete in einem wüsten Pogrom. Der mit einem Freibrief ausgestattete Pöbel zerstörte das Ghetto und bemächtige sich des Hab und Guts der jüdischen Gemeinde. Fast 600 Menschen wurden vor den Toren der Reichsstadt auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Nachdem der Kaiser, der Bischof von Bamberg und die Burggrafen von Nürnberg ihren Anteil am jüdischen Vermögen erhalten hatten, füllte der Rat mit dem "Rest" die leere Stadtkasse auf.

Die Reichsstadt hatte ihr Ziel erreicht. Das jüdische Ghetto wurde niedergerissen und in den größten gepflasterten Marktplatz nördlich der Alpen umgewandelt. Auf den Trümmern der zerstörten Synagoge errichtete man die Frauenkirche, die mit ihrer eindrucksvollen spätgotischen Westfassade seither den Hauptmarkt dominiert.

Dem Engagement von Oberbürgermeister Liebel – er nahm sich im April 1945 kurz vor der Einnahme Nürnbergs durch die Amerikaner das Leben – hat der Markt nicht nur seine heutige Form mit den weihnachtlich geschmückten Zugangsstraßen samt Lichterketten und Girlanden, sondern auch das Eröffnungsspektakel auf der Empore der Frauenkirche zu verdanken. Liebel selber erfand ein neues Zeremoniell, bei dem ein lebendiges Christkind, flankiert von zwei Rauschgoldengeln, einen Prolog spricht.

So kehrte der Markt vor genau 70 Jahren zur Freude der Nürnberger ins Herz der Stadt zurück. Die Kirchenglocken läuteten, ein Kinderchor und ein Posaunenchor in Altnürnberger Tracht traten auf – Letzterer wurde, was dem Ganzen eine besonders friedensreiche Note gab, von Reichswehrmusikern des 21.Infanterieregiments gestellt. Als das Christkind die Empore bestieg, flammten "millionenkerzige Riesenscheinwerfer" auf und tauchten die "Frauenkirche in taghelles Licht".

Dem Geist der neuen Zeit entsprechend, fiel der von Lautsprechern übertragene Prolog aus: "Nürnberg! Wie lieb ich immer Dich schöne deutsche Stadt, / Die ihresgleichen nirgends in deutschen Landen hat. / Doch als vor vielen Jahren man meinen Markt mir nahm / Und dann vors Tore mich jagte, da wurde ich euch gram. // Doch neue Zeiten kamen und Deutschland ist erwacht! / Und hat zu Ehren wieder den alten Brauch gebracht. / An dieser hehren Stätte, die Deutschlands Führer weihten, / Und wo sich Nürnbergs Bürger voreinst als Kinder freuten, // Soll man alljährlich wieder zur frohen Weihnachtszeit, / Wenn jedes brave Kindlein sich auf mein Kommen freut, / Der Christmarkt neu entstehen, in seiner alten Pracht, / Und seine Schätze zeigen, von emsiger Hand gemacht."