In ihrem Freundschaftsbuch hat Jenny verraten, dass sie am liebsten "Pizza, Pommes und süßes Nutella" isst. Das Lieblingsessen ihrer Freundin Martina besteht aus "Nudeln und Gummibärchen". Aber in die Rubrik Mein allergrößter Wunsch hat sie "Gesundheit" geschrieben. Zufall? Oder schon Ergebnis von zwei Jahren Gesundheitsförderung an der Schwanengrundschule? Fest steht jedenfalls, dass die beiden Mädchen aus der zweiten Klasse keine gewöhnliche Schule besuchen. In der Schwanenschule in Wermelskirchen, nahe Remscheid im Bergischen Land, drehen sich viele Stunden und Pausen ums Essen, um Ernährung, Verdauung, Bewegung, den Körper und seine Gesundheit. Da kommt es in der Frühstückspause schon einmal vor, dass ein Schüler einem anderen zuruft: "Igitt, was hast du denn wieder mitgebracht!" Über so viel Selbstkontrolle und Strenge wundert und freut sich dann vor allem der Lehrer, der vergeblich, und immer wieder mit denselben Eltern, über eine vernünftige Zwischenmahlzeit diskutiert. Letztendlich schaffen es die Schüler schneller, Eistee und Chips von den Frühstückstischen zu verbannen.

"Nicht mal der Schulrat darf in dieser Schule rauchen"

Schulen, in denen sich Lehrer für die Brotdosen ihrer Schüler interessieren, in denen beim Frühstück Geschichten vorgelesen werden, damit in Ruhe und nicht im Rennen gegessen wird, haben in diesem Land noch immer Seltenheitswert. "Gesundheitsfördernd und bewegungsfreudig" will die Schwanenschule sein und hat das Thema Gesundheitserziehung sogar ins Schulprogramm geschrieben, abgesegnet durch alle 17 Lehrer. Ein folgenschwerer Beschluss, nicht nur weil er mit mehr Arbeit verbunden ist. An der Schwanenschule gilt absolutes Rauchverbot, im Gebäude ebenso wie auf dem gesamten Schulgelände. "Niemand, nicht mal der Schulrat, darf in dieser Schule rauchen", sagt die Rektorin Carolin Maus. Alles andere wäre inkonsequent. Schließlich hat sich die Schwanenschule vor zwei Jahren auch dem Gesundheitsförderungs- und Suchtvorbeugungsprogramm Klasse 2000 angeschlossen. Mit rund 130.000 Schülern, die man mittlerweile in Deutschland erreicht, sei man das größte Gesundheitsförderungsprogramm für Grundschulen, berichtet das Klasse-2000-Team in Nürnberg.

Lehrer, die rauchend auf dem Schulhof stehen, könnten Schüler schlecht von einem suchtfreien Leben überzeugen, sagt Carolin Maus. Lehrer, die träge auf Bänken sitzen, könnten nicht von ihren Schülern verlangen, die Pause mit Fußball oder Hüpfgummi zu verbringen. Deshalb sieht man die Schulchefin auch mal inmitten einer Kinderschar übers Seil springen.

Deutschlands Kinder werden immer dicker, träger und kränker. Die Einschulungsuntersuchungen offenbaren es: Die Zahl der Kinder, die mit Koordinationsstörungen, Haltungsschwächen, Wirbelsäulenveränderungen und Übergewicht in die Schule kommen, nehmen zu, egal ob in Bayern oder Schleswig-Holstein. Jedes fünfte Kind ist übergewichtig, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Ärzte diagnostizieren schon bei Kindern und Jugendlichen Krankheiten, die normalerweise erst bei Erwachsenen über 40 auftreten: Bluthochdruck, Altersdiabetes, Rücken- und Gelenkschmerzen oder einen erhöhten Cholesterinspiegel.

Die gesellschaftlichen Folgekosten sind enorm. Schätzungen gehen davon aus, dass schon jetzt ein Drittel der Gesamtkosten des Gesundheitswesens durch ernährungsbedingte Krankheiten verursacht werden. Nun also läuten die Alarmglocken überall. Verbraucherschutzministerin Renate Künast macht das Thema Kinder und Ernährung zum "Aktionsschwerpunkt für die kommenden Jahre" und erklärt die "Ernährungserziehung zur öffentlichen Verantwortung". Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat die Gesundheitsförderung von Kindern zur "zentralen Aufgabe" erhoben und mehrere Projekte gestartet. Aber an Ideen und Programmen mangelte es auch in der Vergangenheit nicht; es fehlte und fehlt das Problembewusstsein. Wie so oft, will sich keiner so recht verantwortlich fühlen. "Die Schulen wollen sich nicht als Reparaturbetrieb der Gesellschaft betrachten und überlassen die Gesundheitserziehung den Eltern", sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Dass die Leistungsfähigkeit ihrer Schüler aber in großem Maße von deren Gesundheit abhänge, sei bei vielen Pädagogen noch nicht angekommen.

In der Schwanenschule schon. Hier hat man den Zusammenhang zwischen Ernährung, Bewegung, Entspannung und Lernen längst erkannt. Es ist neun Uhr morgens, und in der dritten Klasse von Markus Beu sitzt kein Kind müde und gelangweilt am Tisch. Sie alle tanzen das Schubidubidua- Lied, und es wackelt und zappelt die ganze Klasse. Jede Woche gibt es zusätzlich zum Sportunterricht eine Stunde Bewegungserziehung. Die kann im Klassenzimmer, in der Turnhalle oder draußen stattfinden. In der Schwanenschule werden Sport und Bewegung so ernst genommen wie Mathe und Deutsch. Deshalb ist die große Hofpause auch nicht zum Essen, sondern zum Toben und Spielen gedacht. Gefrühstückt wird zuvor in den Klassenräumen. Danach haben die Schüler 20 Minuten Zeit, ihren Schulhof in ein buntes Artisten- und Sportlerlager zu verwandeln. Auf großen und kleinen Stelzen laufen die Mädchen über den Pausenhof, es wird Seil gehüpft, mit Reifen gespielt. Eine Bewegungskiste hält vieles bereit, was in manchen Kinderzimmern gar nicht mehr vorkommt. Auch der Sportplatz wird in der Pause genutzt, meist von spontan zusammengewürfelten Fußballteams.

Klasse 2000 – Suchtprävention ohne erhobenen Zeigefinger