Jetzt schlafen die Kinder. Paula, die Zweijährige, oben in ihrem Zimmer, und Frieda, sechs Wochen alt, in einer weißen Wiege am Esstisch. Antje Appel, die Mutter, stellt Wassergläser bereit, und Bodo, ihr Mann, holt ein Paar Hausschuhe für den Besuch. Sie hatten in der Dunkelheit am Gartentor gewartet, hinter sich den Ford Kombi und die Silhouette ihres kleinen Hauses, das von innen hell erleuchtet war. So sieht er aus, der bundesrepublikanische Traum.

Das "Eigenheim im Grünen": Seit Jahrzehnten nennen fast 80 Prozent der Deutschen dies als Idealvorstellung vom Wohnen. Die Appels haben ihren Wunsch Wirklichkeit werden lassen, auf "9,31 mal 9,91 Metern", Bodo Appel kennt die Maße genau. Das Haus ist rot verklinkert, mit Küche, Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer unten, mit Bad und drei Schlafzimmern oben.

Ein Jahr ist es nun her, dass sie aus einer 125-Quadratmeter-Wohnung in Berlin in ein 125-Quadratmeter-Haus am Stadtrand gezogen sind und dafür einen Kredit aufnahmen, den sie 30 Jahre abbezahlen werden. Warum? Die Appels haben zwei Gründe; beide schlafen.

Das Wohnen kostet die Deutschen im Schnitt ein Viertel ihres Haushaltseinkommens. Bei den Appels ist es ein Drittel, seit sie ihr 205000 Euro teures Haus gebaut haben in Schulzendorf, einer Gemeinde im Südosten Berlins. Er ist Arzt, sie ist Lehrerin. Damit gehört das Paar zu den besser Verdienenden unter den 37,9 Millionen Haushalten des Landes.

37,9 Millionen Haushalte, das bedeutet 37900000-mal die Frage: Wo soll ich wohnen? Und wie? Was kann ich mir leisten? Letzten Endes: Wer bin ich? Denn die Behausung ist nach der Kleidung die dritte Haut des Menschen. Sie gibt Auskunft über seinen Status, seine Lebensphase, sein Selbstbild. Ein Holzhaus erzählt eine andere Geschichte als eine Gründerzeitvilla, das geräumige Loft eines Singles von einem anderen Schicksal als eine abgewohnte Bude im Hinterhof. All das gibt es beispielhaft in und um Berlin, dicht an dicht und in allen Extremen.

Das Haus der Appels am Stadtrand erzählt von der Sehnsucht nach stabilem, sorglosem Familienglück. "Mit Paulas Geburt tauchte in mir das Bild auf, dass mein Kind auf einem eigenen, abgezäunten Stück Rasen loslaufen soll", sagt Bodo Appel, während seine Frau das Stillkissen auf dem Sofa zusammenlegt. Antje Appel ist 34 Jahre alt, er ist 40. Beide tragen unprätentiös Jeans und T-Shirt. Sie sagen, sie hätten sich "spät gefunden". Vor vier Jahren zogen sie dann in eine Vier-Zimmer-Wohnung in Berlin, "Altbau, Stuckdecken, Flügeltüren, Parkett". Antje Appel zählt alles Glück des Städters auf, das für sie kein Glück mehr war, als sie einen Kinderwagen durch die Straßen schob und nicht mehr auf dem Weg ins Kino um die Ecke war, sondern zum wöchentlichen Babytreffen mit anderen Müttern. Plötzlich sah sie die Scherben, die Autos, den Müll. Die Stadt war von einem bunten Freizeitpark zu einem bedrohlichen Durcheinander geworden. Sie wollten raus. Es hätte Zeuthen werden können, Eichwalde, Waltersdorf. Egal. Die Appels schienen keinen Umzug zu planen, sondern eine Flucht.

Der Fertighausanbieter, für den sie sich schnell entschieden hatten, nannte ihnen einige Grundstücke, auch dieses in Schulzendorf, und sie fuhren hin, im Januar 2002. Es war kalt, und es lag Schnee. Kein Mensch war auf der Straße. Am Zaun vor dem Grundstück links hing das Namensschild der Familie Brandt, auf dem Grundstück rechts stand das vergitterte Haus der Böhmes, mit Warnung vor dem Hunde. Sie hauchten Atemwolken über den Zaun. Hier leben? Sie kauften.