Gibt es irgendeinen pädagogisch wertvollen Grund, warum sich Kinder um Mitternacht Bücher zustellen lassen, um anschließend darin zu versinken? Warum jedes Gespräch beim Frühstück erstirbt, die Toilette vom verzauberten Kind belegt ist und gedroht werden muss, um es dann buchlos in die Schule zu schicken? Warum Freundinnen, nebeneinander auf dem Bauch liegend, lesen, statt Gameboy zu spielen und zu lästern? Lesen, lesen, lesen… nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen.

Das lesende Kind ist zum strahlenden Mythos geworden. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen: Der Lesende ist asozial, neigt zu Illusionen und überspannten Gefühlen, empfindet jede Störung seiner Tätigkeit als Verletzung der Privatsphäre. Betreten verboten! Noch schlimmer, wenn das Buch als Objekt der Liebe behandelt wird, gestreichelt, sorgsam gepflegt und zärtlich verehrt wird. Jedoch ist hier nicht die Rede von jenem "5. Buch der Bücher", vielmehr verschlingen wir Cornelia Funkes neuen Roman Tintenherz. Sie sorgt nicht nur dafür, dass deutsche Bestsellerlisten neben Harry Potter und Artemis Fowl einen dritten Kinderbuchnamen führen, sie erhebt in ihrem neuen Roman das Buch zum haptischen Gegenmodell zur CD-ROM, zu MP3, zum Internet, zu alldem, was aus 0 und 1 besteht, was nicht zum sinnlichen Anfassen gedacht ist.

Cornelia Funke, 1958 geboren und nach ihren überseeischen Erfolgen mit Drachenreiter und Herr der Diebe zur deutschen Joanne K. Rowling geadelt, hat mit ihrer englischen Kollegin wenig gemein, sieht man von den literarischen Fantasietalenten ab und den bevorstehenden Verfilmungen ihrer Bücher durch amerikanische Konzerne. Weder besitzt sie Rowlings Humor, noch bemüht sie deren schulisches Identifikationmodell und eschatologischen Themenkatalog. Tintenherz ist eine einzige Liebeserklärung ans Buch, ans Papier und an Regale, Einbände, Minuskeln und mit Stoff ausgeschlagene Bücherkisten. Wenn die zwölfjährige Meggie mit ihrem Vater Mortimer, dem Buchrestaurator, genannt Mo, nachts das Haus verlassen muss, weil das Böse wieder auftaucht und sie verfolgt, dann packt sie ihr Zuhause in Gestalt ihrer gewichtigen Lieblingsbücher ein. "Bücher müssen schwer sein, weil die ganze Welt in ihnen steckt."

Sie fliehen in den Süden, gewarnt und begleitet von Staubfinger, einer undurchschaubaren bleichen Gestalt, die einen Marder mit zwei Hörnern im Rucksack hat, flüchten zur Tante Elinor, die ihr riesiges italienisches Landhaus in einen Bücher-Gral verwandelt hat. Dort, so hofft Mo, könne er unauffällig jenes Buch mit dem Titel Tintenherz verstecken, hinter dem die dunklen Gestalten unter der Führung des grundbösen Capricorn seit Jahren her sind. Die Geschichte hinter der Geschichte im geheimnisvollen Buch lässt sich nun nicht länger vor seiner Tochter Meggie verschweigen, die Ereignisse jenes Abends vor neun Jahren, als der begnadete Vorleser Mo drei Gestalten aus der Geschichte herausgelesen hatte und dafür Meggies Mutter im Buch verschwunden war. Seitdem versuchen die drei Leibhaftigen, alle Exemplare dieses Buches zu vernichten, um nicht ins Mittelalter zurückkehren zu müssen, seitdem verbirgt Mo seine Ausgabe des Buches – es ist die letzte Hoffnung, seine Frau wieder herauslesen zu können.

Was wünschte sich der Leser sehnlicher, als ins Buch "einzutauchen", darin zu "versinken", zu "verschwinden" oder, umgekehrt, es "zum Leben zu erwecken", die Personen "zu treffen", zu imaginieren, als "stünden sie vor einem", als seien sie "lebendig". Und welch ein Schreck, wenn dies wirklich geschieht. Verblüffend, dass noch kein Autor diese Fantasie so konsequent wie Cornelia Funke zum Konstruktionsplan eines fantastischen Jugendromans gemacht hat, der in der Dreieinigkeit und Abhängigkeit von Autor, Buch und (Vor-)Leser die Welt spiegelt. Fraglos ist das Motiv des virtuellen Verschwindens im Buch und der Materialisierung von papierenen Helden nicht neu, und doch funktionierte es meist als Deus ex Machina, der die Handlung in Gang setzte, wenn es nicht der ständige Beweggrund des Handelns ist wie hier – das Buch als Flucht und Heimkehr. Aus Buchstaben geschaffen und zu Buchstaben werdend.

"Ich wünsche dir, dass es beim Lesen bleibt", grinst der herausgelesene Staubfinger das zwölfjährige Mädchen an. Welch eine Vorstellung! Den Leser, das Buch, den Autor umweht plötzlich jenes Misstrauen, dem sie sich zu wenig stellen. Plötzlich wird der Autor des Buches, Fenoglio, mit jenen Geschöpfen konfrontiert, die er sich ausgedacht hatte, hält ihm der sadistische Basta das Messer an die Kehle, droht ihn der "Schatten" zu vernichten, kann er sich gegen den Ausbund des Bösen, jenes schwarze "Tintenherz" Capricorn, nur noch retten, indem er ihm gottgleich droht, er sei sein Schöpfer, und mit seinem Tod werde auch er sich in Luft auflösen.

Das postmoderne Spiel mit Identitäten und Geschichten hat seit ein paar Jahren das Kinder- und Jugendbuch erreicht: Bilderbücher, in denen sich Schweine vor dem Wolf retten, indem sie das Buch verlassen und in eine andere Geschichte flüchten, einsame Orte am Meer, an denen sich die Helden der Kinderbücher ein Stelldichein geben, Bücher, die Kinder wie in einem Spiegelsaal immer tiefer in die Abbilder locken. Auch die Belletristik dieses Herbstes greift das Motiv auf, zieht in Lisas Buch ein Mädchen in die Welt der Abenteuer hinein (Wieland Freund; Rowohlt Verlag) oder entlässt in Die wunderbare Welt der Sylvie (Roderick Townley; Fischer Schatzinsel) ein Mädchen aus der Welt des Buches. Und doch ist selten, was der Magierin Cornelia Funke gelingt: dem Gedankenspiel Leben einzuhauchen, den Leser gleichzeitig freizulassen und ihn einzufangen, eine Fähigkeit, die Schriftsteller von anderen begabten Pädagogen unterscheidet.