Allein das Eis, die kristalline Form von Wasser, hat 13 verschiedene Gesichter. Die Eigenschaften der Eissorten sind genauso unterschiedlich wie ihre molekularen Nachbarschaftsbeziehungen. Die üblichste Form, Eis-I, in der die Moleküle wie Bienenwaben sechseckig angeordnet sind, ist verantwortlich für die sechseckigen Schneeflocken. Unüblichere Eiserscheinungen zaubern die Forscher, indem sie die Temperatur ändern oder mit Stempeln auf das Eis pressen. Bei einem Druck von 10000 bar ist Wasser selbst bei 500 Grad Hitze noch gefroren. Würde es bei diesen extremen Bedingungen schneien, käme Eis-VII vom Himmel. Die Schneeflocken wären viereckig, und Eisschollen würden untergehen.

Christoph Salzmann ist Eisforscher an der Universität Innsbruck. Die letzte Art festen Wassers wurde vor fünf Jahren entdeckt. "Momentan schaut’s nicht nach etwas Neuem aus", sagt der Österreicher. Dabei blicken die Forscher längst über den irdischen Tellerrand hinaus: Messungen der Raumsonde Galileo haben vor zwei Jahren verschiedene Sorten von Eis-I bis Eis-VI in einer 900 Kilometer dicken Schicht auf dem Jupitermond Ganymed identifiziert. Und es gibt auch noch seltsamere Wasserformen: Wasserglas.

In diesem Zustand herrscht im Wasser atomarer Wildwuchs. Geordnete molekulare Nachbarschaftsverhältnisse existieren nicht mehr. Festes glasiges Wasser ist wie eine Flüssigkeit, nur können sich die Moleküle nicht mehr gegeneinander verschieben. Den ersten Vertreter dieser sonderbaren Spezies haben Physiker in Kanada vor 19 Jahren fabriziert, als sie bei minus 200 Grad auf einen Eisklotz drückten. Mittlerweile gibt es drei Glaswässer, zwei sehr dichte und eines, das auf flüssigem Wasser schwimmt.

Im Polymer Research Center in Boston versucht Eugene Stanley, das weltweite Heer der Wasserforscher mit seinen Ideen für eine neue Jagd zu gewinnen, vielleicht das letzte Kapitel im Buch der wässrigen Geheimnisse. Titel: Die Suche nach dem zweiten kritischen Punkt. Bisher ist lediglich ein solcher Punkt bekannt, er liegt bei 374 Grad. Unterhalb dieser Temperatur hängen Druck und Siedepunkt nach dem Prinzip desDampfkochtopfs zusammen: je höher der Druck, desto höher die Siedetemperatur des Wassers. Oberhalb des kritischen Punkts indes siedet gar nichts mehr. Das Wasser wird "überkritisch", Flüssigkeit und Dampf lassen sich dort nicht mehr unterscheiden.

Einen ähnlichen Punkt könnte es auch bei tiefen Temperaturen geben, Stanley vermutet ihn bei exakt minus 45 Grad. Die Idee klingt skurril, ist aber bestechend. Unterhalb des neuen kritischen Punkts könnten demnach zwei Sorten flüssigen Wassers existieren, die sich unterscheiden wie Wasser und Dampf unterhalb des ersten kritischen Punkts. Die Temperaturen, bei denen einem flüssiges Wasser gemeinhin begegnet, liegen jedoch oberhalb von null Grad und damit klar diesseits des neuen kritischen Punkts.

Zwei Wasserarten im Sprudel