Man sollte meinen, bei einem Architekten wie Gottfried Semper, dessen 200. Geburtstag am Sonnabend gefeiert wird, sei alles längst bekannt. Doch da ist zum Beispiel die Sache mit Hitler, aufgespürt vom Kunsthistoriker Hermann Hipp: Bisher hieß es immer, Schinkel sei der Lieblingsarchitekt des Führers gewesen. In Wahrheit aber beeindruckten ihn vor allem Sempers Prunkbauten in Wien. Das kann man dem Architekten nicht anlasten, und doch fällt einem gleich sein antidemokratisches Gezeter ein, "der schlimmste despotische Fürst und der fanatischste Papst thut mehr für die Kunst als der Freistaat". Semper mit Hitler-Bärtchen? Zum Glück gibt's auch versöhnende Details: Semper wurde nicht, wie bislang geglaubt, im königlich-dänischen Altona geboren, sondern im republikanischen Hamburg! In Dresden ging er 1848 auf die Barrikaden und wurde verhaftet - als "Haupträdelsführer und Demokrat I. Klasse". Und welchen Semper sollen wir jetzt ehren? Vielleicht einen Architekten, der wie kaum ein anderer die Widersprüche der Moderne spürte. Und der gerade wegen dieser Widersprüche Neugier verdient. Jedenfalls hat Hamburg keinen Grund, sein Semper-Denkmal wie bisher in der Fußgängerzone Spitaler Straße zu verstecken.