Jeder Mensch hat seinen Rhythmus. Mit dem Tempo unserer Umwelt harmoniert er aber nur selten. Mal haspelt die Stimme auf dem Anrufbeantworter die Ziffern der Rückrufnummer so schnell herunter, dass man sie gar nicht mitschreiben kann. Mal kommt beim Joggen ausgerechnet dann ein Kuschelsong aus dem Walkman, wenn dem Läufer der Sinn nach einem Sprint steht. Das muss doch nicht sein, hat sich der Mathematiker Holger Diener am Rostocker Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung gedacht und zusammen mit seinen Kollegen eine Abhilfe für die Phasenverschiebung zwischen innerem und äußerem Rhythmus erfunden.

"Akustische Lupe" haben die Entwickler ihre Technik getauft. Sie nutzt ein mathematisches Verfahren, das Ende der sechziger Jahre an den Bell Laboratories erfunden und seitdem ständig weiter entwickelt wurde. Stufenlos lässt sich damit die Abspielgeschwindigkeit einer Tonaufzeichnung regeln, ohne dass sich die Tonhöhe verändert. Auch bei eineinhalbfacher Geschwindigkeit wird aus Joe Cocker keine quäkende Mickymaus. Ohne es zu wissen, haben wir alle längst Bekanntschaft mit einem solchen akustischen Gaspedal oder der entsprechenden Bremse gemacht. Jedes digitale Tonstudio nutzt das Verfahren, Hörfunkbeiträge werden damit unmerklich auf exakte Länge gebracht. Moderne Diktiergeräte bieten solch eine Funktion, um das Abtippen zu erleichtern. Und der Werbesprecher kann den Spruch mit den "Risiken und Nebenwirkungen" eigentlich gar nicht so schnell abspulen – alles Elektronik.

Wer eine Tonaufzeichnung schneller oder langsamer abspielen wollte, musste bisher allerdings an einem Knopf drehen. Die Rostocker Forscher dagegen wollen das Tempo automatisch an den Bedarf anpassen. Die Nachricht auf dem Anrufbeantworter läuft in normaler Geschwindigkeit; nur wenn Ziffernfolgen angesagt werden, verlangsamt die "akustische Lupe" das Tempo, um das Mitschreiben zu erleichtern. Im Hintergrund arbeitet dafür ein Spracherkennungsprogramm mit, das sofort merkt, wenn statt eines normalen Satzes eine Folge von Zahlen gesprochen wird.

Beim Joggen passt die akustische Lupe das Tempo der Musik automatisch an den Schrittrhythmus an. Auch wenn Phil Collins ursprünglich mit 126 Beats pro Minute vom Easy Lover gesungen hat, wird sein Tempo beim Sprint einfach stufenlos auf 180 erhöht. Nicht die Musik bestimmt den Laufrhythmus, sondern der Laufrhythmus bestimmt die Musik. Ob das dann noch schön klingt, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Herzkranke Läufer können das System mit einem Pulsmesser koppeln. Übersteigt der Herzschlag ein vorher festgelegtes Limit, verlangsamt sich automatisch die Musik – der Läufer wird sanft abgebremst. Signalisiert der Pulsmesser körperliche Reserven, macht er musikalisch ein bisschen Dampf. Leistungssportler können sich am Computer ein Trainingsprofil zusammenbasteln und jeder beliebigen Musik überstülpen – vorausgesetzt, sie wummert in einem durch zwei teilbaren Takt. "Mit Musik im Dreivierteltakt geht das nicht", sagt der Mathematiker Diener, "der Mensch hat schließlich nur zwei Beine."

Dem Rhythmus aus dem Kopfhörer kann sich der Läufer nicht widersetzen. Die Sportwissenschaft hat das in vielen Studien nachgewiesen und spricht nach einem britischen Physiologen des 19. Jahrhunderts vom "Carpenter-Effekt". Auch für die Steigerung der Leistungsbereitschaft durch anfeuernde Musik gibt es zahlreiche Belege. Schon im Sklavengesang habe sich die "subjektive Entlastung" durch Musik gezeigt, sagt der Bonner Sportwissenschaftler Heinz Mechling. Und seine Magdeburger Kollegin Anita Hökelmann nennt das Beispiel Aerobic: "Viele würden zwischendurch aufgeben, wenn sie nicht den Rhythmuszwang hätten." Schon wirbt ein Fachbuch unter dem Titel Laufen mit Musik für den Motivationsschub aus dem Kopfhörer. Der im Impressum als wissenschaftlicher Berater genannte Tübinger Sportwissenschaftler Hans-Christian Heitkamp ist allerdings nicht überzeugt, dass Freizeitsportler diesen Ansporn wirklich brauchen. "Wenn jemand regelmäßig joggt, dann können Sie die Uhr nach ihm stellen", sagt er. Der Mensch finde seinen Laufrhythmus auch ganz ohne technische Hilfe.

Derzeit stehen die Rostocker Erfinder in Verhandlungen mit Herstellern, die die akustische Lupe in Anrufbeantworter, Handys oder MP3-Player integrieren wollen. Im November sollen erste Geräte auf den Markt kommen. Mit Beschwerden von Künstlern, deren Musik dann je nach Wunsch beschleunigt oder verlangsamt wird, auf jeden Fall also verhunzt, rechnet Holger Diener nicht. Schließlich versprechen die Jogger einen Massenmarkt. "Für die Platten ist das doch eine zusätzliche Verkaufschance."