DIE ZEIT: Der islamistische Terror hat jetzt auch den Rand Europas erreicht. Gibt es eine neue Generation von Attentätern?

Berndt Georg Thamm: Ich sehe eine Parallele zwischen den Anschlägen in Casablanca und Istanbul. Es wurde auf junge Einheimische zurückgegriffen, in dem einen Fall auf junge Marokkaner an der Peripherie von Casablanca. Sie wurden durch fundamentalistische Hintermänner in Marokko angeleitet, wahrscheinlich auch durch Drahtzieher im Ausland, und hielten zu ihnen Kontakt über das Internet. Diese Franchising-Strategie ist das Erbe der alten al-Qaida. Ähnlich ist die Situation jetzt in Istanbul: Für die Anschläge verantwortlich waren junge Türken, die zwar mit den Kriegsveteranen aus Afghanistan wenig zu tun haben, aber nach dem gleichen Motto handeln. Auch die Attentäter von Istanbul nutzten das Franchising-Prinzip professioneller Dschihad-Manager aus. Dies ist die Variante, mit der wir es künftig öfter zu tun haben werden und die natürlich schwieriger zu bekämpfen ist. Denn es handelt sich um örtliche radikale Gruppen, die potenziellen Kämpfer verteilen sich über die ganze Welt und nutzen moderne Technik – eine islamistische Hydra.

ZEIT: Werden die Kämpfer von Dschihadisten in Deutschland unterstützt?

Thamm: Ja, von Dschihadisten in ganz Europa, auch in Deutschland. Deswegen halte ich wenig von der Einschätzung, dass sich Europa durch die Türkei den Dschihad-Terrorismus ins Haus holen werde. Den haben wir längst im Haus.

ZEIT: Warum ist es hierzulande noch nicht zu einem Anschlag gekommen?

Thamm: Nach dem 11. September 2001 haben deutsche Strafverfolgungsbehörden und Nachrichtendienste einen hohen Fahndungsdruck erzeugt, der Planung und vor allem Durchführung eines Anschlags wesentlich erschwert hat. Allerdings zeigt der Al-Tawhid-Prozess in Düsseldorf, dass Deutschland längst ein Anschlagziel ist. Denn wenn man die Aussagen der Beschuldigten im Prozess ernst nimmt, dann hat es bereits Pläne für Anschläge in der Düsseldorfer Altstadt und gegen die Jüdische Gemeinde in Berlin gegeben.

ZEIT: Es kann also keine Rede davon sein, dass Deutschland geschont wird?

Thamm: Nein, überhaupt nicht. Wenn man relativieren will, dann allenfalls in der Weise, dass das Vereinigte Königreich vermutlich ganz oben auf der Liste möglicher Anschlagsziele in Europa steht. Aber Deutschland ist nicht außen vor. Neben England, Frankreich und Italien gehören wir zu den Ländern, die mit einem abstrakt hohen Gefahrenniveau leben müssen. Dieses Abstraktum kann schnell sehr konkret werden.

ZEIT: Wie groß ist die Szene der Terrorsympathisanten in Deutschland?

Thamm: Schwer zu beurteilen. Es reichen einige Dutzend entschlossener Männer aus, um Millionenstädte oder große Ballungszentren zu bedrohen. Diese Zahl von Leuten haben wir allemal im Land.

ZEIT: Woher kommen die Aktivisten?

Thamm: Die kommen von überall her. Man geht davon aus, dass das internationale Netzwerk der Dschihad-Terroristen aus rund 30 islamistischen Gruppen besteht, die lose miteinander verbunden und in ihren Handlungen völlig autonom sind. Weltweit stellen diese rund 20000 ausgebildete Kämpfer, die nicht nur aus der gesamten muslimischen Welt stammen, sondern auch die unterschiedlichsten Ethnien umfassen – Völker des Malaiischen Archipels, Turkvölker, arabische, negride Völker. Darüber hinaus haben wir in Europa große muslimische Gemeinden, in denen das eine oder andere Mitglied bereit ist, sich für terroristische Ziele einspannen zu lassen.

ZEIT: Werden Terroristen in Deutschland angeworben?

Thamm: Ja, es wird für den Heiligen Krieg angeworben. Wie das in Europa geschieht, wurde in den Niederlanden durch den dortigen Nachrichtendienst untersucht. Demnach rekrutierten arabische und andere Veteranen des Afghanistan-Krieges, die dem Terrornetzwerk zuzuordnen sind, in Holland potenzielle Kämpfer unter den aus Marokko stammenden Bürgern.

ZEIT: Wo geschieht dies in Deutschland?

Thamm: In den Großstädten. In Moscheen, in Kaffeehäusern, an Versammlungsorten, in Kulturzentren, in Chatrooms des Internet, auch in den Justizvollzugsanstalten.

ZEIT: Werden die Neuzugänge mit Geld gelockt?

Thamm: Geld mag eine Rolle spielen, aber keine ausschlaggebende. Im Mittelpunkt stehen der Respekt, die Ehre und der hohe Stellenwert in der eigenen Glaubensgemeinschaft. Dies vermitteln die religiösen Fundamentalisten überzeugend. Der Wunsch, gegen die Feinde des Islams etwas tun zu können, ist sehr stark.

ZEIT: Wie begegnet man der Terrorgefahr am wirkungsvollsten?

Thamm: Ich hätte mir gewünscht, dass die eine oder andere islamistische Gruppe durch das Bundesinnenministerium verboten worden wäre. Dies ist allerdings bisweilen schwierig. Am vergangenen Wochenende fand in Berlin der so genannte Al-Quds-Tag statt, den der Ajatollah Chomeini seinerzeit iniziierte. Seit 1995 gibt es diese Veranstaltung zum Ende des Ramadans, einen Anti-Israel-Tag, Ausdruck für die Solidarität mit den Palästinensern. Solche Treffen dienen weniger dem Dialog der Völker, sie schaden mehr. Ebenso sollte man die Spendenaufrufe – ob für die Hisbollah, für Hamas, für den islamischen Dschihad – kritischer prüfen.

ZEIT: Gehen die Behörden nicht entschieden genug gegen Verdächtige vor?

Thamm: Deutschland darf kein Boden sein, auf dem muslimische Extremisten für den so genannten Heiligen Krieg offen werben dürfen. Dies geschieht aber an einigen Orten. Glaubt man den Leuten vom Bundesnachrichtendienst, dann gingen schon junge islamistische Kämpfer von Deutschland aus in den Irak. Dem muss man entgegenwirken, ganz konsequent.

ZEIT: Es soll angeblich Bemühungen geben, mit autonomen Terrorgruppen zu verhandeln. Ein realistischer Weg?

Thamm: Nach meiner Einschätzung ist die harte Szene der Dschihad-Terroristen weder dialogfähig noch dialogwillig. Die haben ihre großen Ziele, die Errichtung des Gottesstaates, und wer diese Ziele nicht mitträgt, wird kurzerhand zum Feind des Islams erklärt und gesprengt, ganz gleich, ob Christ, Muslim oder Hindu. Mit diesen Terroristen ist kein Dialog zu führen. Wer glaubt, dort ansetzen zu können, der irrt.

Fachpublizist Berndt Georg Thamm (57) beschäftigt sich u. a. mit Netzwerkterrorismus.
Die Fragen stellten Jochen Bittner und Hanns-Bruno Kammertöns