Diesen Satz wird man sich wohl noch merken können: "Winterreifen von O bis O!" Den Merksatz predigt der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk e. V. Posaunt der ADAC. Skandiert der Verkehrssicherheitsrat. Jedes Jahr aufs Neue, Anfang Oktober. "Winterreifen von O bis O" – ein griffiger Satz, oder, wie Motorjournalisten sagen würden, ein Satz mit Grip. Von O bis O, das heißt natürlich von Oktober bis Ostern. Nun haben wir bereits Ende November. Gehen Sie jetzt bitte mal zu Ihrem Auto. Beugen Sie sich tief hinab. Studieren Sie, was alles auf dem Reifen geschrieben steht. Lesen Sie da irgendwas von "M+S"? Finden Sie irgendwelche haarfeinen Lamellen im Profil eingegraben? Nein? Winterreifenmuffel, Sie! Sie treten von einem Bein aufs andere, hüsteln und stottern: Ja, schon recht, vergessen, mach ich noch, schneit ja noch nicht… Und beim ersten Schnee stürzen Sie wie alle anderen lemminggleich zum Reifenhändler oder in den nächsten Graben. Jedes Jahr das Gleiche – schlimm!

Ein kurzer Blick nach Skandinavien: Dort zieht man wenige Tage nach Mittsommer Spikesreifen auf. Sicher ist sicher. Nur in den Kopf des deutschen Autofahrers will einfach nicht rein, dass er Winterreifen montieren soll, obwohl kein Schnee liegt. Goldener Oktober, pfütziger November – Neujahrstag ist auch noch ein Tag! So denkt der deutsche Autofahrer, weil er dumm ist und nichts von den Reifen und noch weniger von der Reifenindustrie versteht.

Winterreifen! Wunderwerke der Ingenieurkunst! Herrliche Namen tragen sie: Alpin A2, Winter Grip, sogar Ultra Grip! Blizzak LM 18, Snowtrac 2 oder WinterContact. Grobe Stollen arbeiten sich durch Tiefschnee. Verzahnungseffekte treten ein, sogar eine ausgeprägte Scherwirkung. Lamellen in den Profilblöcken spreizen sich beim Bremsen auf Eis und krallen sich – kaum zu glauben – in spiegelglatte Oberflächen. Das hydrodynamische Profil solcher Reifen erlaubt sogar die schneeschiebergleiche Verdrängung von fiesem Schneematsch. Selbst auf trockener Fahrbahn kriecht das weiche Wintergummi in jeden Asphaltritz und bewirkt etwas sehr Erstrebenswertes: Kraftschluss. Eine kraftschlüssige Verbindung zwischen Straße und Reifen hält durch Widerstandskraft und verhindert Schlupf, Schleuder und Rumms. Kraftschluss ist übrigens ein schönes Wort, mit dem man auf jeder Party Eindruck machen kann.

Sie stöhnen leise: "Aber Winterreifen sind auch ziemlich teuer." Menschenskinder, es geht um Sicherheit! Nebenbei gibt es deutsche Gerichte, die Ihnen eine Mitschuld aufbrummen, wenn ein Unfall mit Ihrem Auto bei montierten Winterreifen glimpflicher verlaufen wäre. Und kommen Sie nur nicht mit schmutzigen Händen, Kreuzschmerzen oder knappem Kellerraum! Dafür hat die Menschheit schließlich das Reifenhotel erfunden (genauer gesagt: die unterbeschäftigten Autowerkstätten haben das erfunden). Für 18 oder 25 oder 40 Euro einschließlich Reifeneinlagerversicherung montiert die Werkstatt an Ihrem Fahrzeug die Winterreifen. Überprüft und putzt die Sommerreifen. Befüllt sie mit Überdruck – und ab geht’s ins Reifenhotel. Das sind entweder hübsch taubenblau gestrichene Container auf dem Hof oder ein Kellerraum, wo die guten Stücke liebevoll und fachgerecht gestapelt werden. Die Atmosphäre ist reifenfreundlich: kühl und dunkel. Gegen Aufpreis hören Ihre Reifen den Winter über Mozart oder Truck Stop, sehen alte Formel-1-Aufzeichnungen, werden einmal die Woche gebadet und massiert und bekommen zu Weihnachten eine Lachgasfüllung für den Abrollkomfort. Ein ehrgeiziger und engagierter Reifenhotelier jedenfalls würde solche Extras mit Gewinn anbieten.

Sie sehen: Fachhandel und Industrie kommen Ihnen in jeder Hinsicht entgegen. Doch Sie: maulen! Klimakatastrophe, global warming, richtigen Winter gäbe es doch gar nicht mehr, wann habe man eigentlich den letzten Schnee gesehen?

Auf genau dieses Gemecker hat die Reifenindustrie, die ja auch nicht blöd ist, die einzig richtige Antwort gefunden: Sie produziert Winterreifen für warme Tage! Tatsächlich gibt es auf dem Reifenmarkt nur noch Winterreifen, die so clever konstruiert sind, dass sie schon ab sieben Grad plus besser sind als jeder Sommerreifen. Das macht einen modernen Winterreifen glatt zum Wegbegleiter an über 180 Tagen des Jahres! M+S?

"Matsch und Schnee" ist eine Kennzeichnung aus dem letzten Jahrtausend. Ein Winterreifen – Sie haben richtig verstanden! – hat überhaupt nichts mit Schnee zu tun! Und wenn es dank des Treibhauseffektes noch wärmer wird im Winter, wird die Reifenindustrie ruckzuck Winterreifen entwickeln, die bis plus 20 Grad optimal sind. So viel ist sicher.

Also? Es gibt keinen Grund mehr, noch im November auf knüppelharten, slickähnlichen Sommerreifen durch den Spätherbst zu gurken. Es ist höchste Zeit für den Wechsel! Her mit dem Grip – ab sieben Grad plus und von O bis O! Es sei denn, Sie machten es wie der Verfasser dieser Zeilen: Sie ließen die Winterreifen auch im Sommer drauf. Führen sie von N bis N. Dann wären Sie jetzt natürlich fein raus.