die zeit: Zwei Jahre nach dem Pisa-Schock – sind Deutschlands Schulen besser geworden?

Heidrun von der Heide: Bis sich wirklich fundamental etwas ändert, brauchen wir noch fünfmal so einen Pisa-Schock. Pädagogikstudenten zum Beispiel lernen immer noch Trockenschwimmen. Sie halten Referate darüber, wie man Schüler individuell fördert. Doch wenn dieselben angehenden Lehrer ihren Unterricht vorbereiten, ist vom einzelnen Schüler keine Rede mehr. Dann entwerfen sie ihre Schulstunde in altmodischer Manier mit detaillierten Zielen und Unterzielen für die ganze Klasse und retten sich in den Frontalunterricht.

Hermann Lange: Das ist sicher richtig beobachtet. Gemessen an dem, was möglich und zu erwarten war, hat sich freilich beachtlich viel getan. Dass die Auswirkungen der eingeleiteten Veränderungen nach so kurzer Zeit noch nicht sichtbar werden, ist nicht überraschend.

zeit: Vor zwei Jahren wurde die nationale Schulkatastrophe ausgerufen. Jetzt sollen wir uns in Geduld üben?

Lange: Das Bildungssystem ist ähnlich komplex wie das Gesundheitswesen. Da ändert sich nichts mit einem Ruck, auch wenn es wünschenswert wäre. Der Pfiff an Pisa ist, dass die Studie 2003 und 2006 wiederholt wird. Für 2003, die Ergebnisse werden Ende 2004 vorgelegt, erwarte ich noch keine wesentlichen Verbesserungen. Aber für 2006 bin ich optimistischer. Da werden sich einige der jetzt begonnenen Reformen niederschlagen. In solchen Zeiträumen muss man denken.

Klaus Klemm: In einigen Bereichen sollte man sogar nicht zu schnell handeln. Beispiel Bildungsstandards. Heute regeln bundesweit 2400 Lehrpläne bis ins Detail, was und wie die Kinder etwa in Deutsch und Mathematik lernen sollen. Mit Bildungsstandards verfolgt man den umgekehrten Weg: Es wird festgelegt, über welche Kompetenzen ein Schüler etwa am Ende der 10. Klasse verfügen soll, nicht aber, welches Wissen er angesammelt haben soll. Das ist sinnvoll. Doch wenn wir in Aktionismus verfallen, droht die Gefahr, dass die Bildungsstandards nichts anderes als Lehrpläne in neuem Gewand werden.

Lange: Diese Gefahr zeichnet sich an einigen der bislang vorgelegten Standards bereits ab. Sie sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Die für den Fremdsprachenunterricht etwa sind gut brauchbar, jene für Deutsch alles andere als professionell gemacht. Es fehlt zum Beispiel eine klare Beschreibung von Kompetenzstufen, an denen sich Lernstände und Lernfortschritte messen lassen.