Leipzig

Wie sich die Bilder unterscheiden. Gerhard Schröder wirkt auf seiner Handlungsreise durch China ausgelaugt, wie auf Rollen schiebt er sich durch sein Besuchsprogramm. Der Mann ist erschöpft. Angela Merkel dagegen steht auf ihrem Parteitag vor wolkig-blauer Bühne, breitet die Arme aus, schließt die Augen und genießt den Beifall. Sie sieht aus, als könne sie fliegen. Wer hier vergleicht, auch wer die beiden Parteitage von SPD und CDU gesehen hat, der könnte meinen, hier stünde Vergangenheit gegen Zukunft, Müdigkeit gegen Mut, Mann gegen Frau. Aber so ist es nicht, jedenfalls noch nicht. Denn die Bilder von ihr und von ihm sind zurzeit vor allem deshalb so unterschiedlich, weil er als Kanzler etwas auf sich genommen hat, während sie als Oppositionsführerin sich nur etwas vorgenommen hat.

Aber was heißt nur?! Es wäre für die Union leicht gewesen, sich auf dem Parteitag in Polemik gegen die Regierung zu ergehen, ein paar symbolische Beschlüsse zu fassen und sich ansonsten an den Umfragewerten zu laben. Stattdessen geschah etwas, was in der deutschen Parteiengeschichte ohne Präzedenz ist: Eine Oppositionspartei versucht, eine Regierung, die sich auf einen schweren Weg gemacht hat, dabei noch zu überholen. Die viel zitierte und selten gesehene Erneuerung in der Opposition, in Leipzig hat die CDU sie begonnen. Es war eine Revolution, die allerdings leise und unauffällig daherkam.

Die Konservativen haben also beschlossen, beim Gesundheits- und beim Steuersystem ganz neue Wege zu gehen. Sicher hat man sich da noch manches vorgemacht. Zum Beispiel lässt sich das schöne Konzept von Fraktionsvize Friedrich Merz, das Steuern senken und vereinfachen soll, kaum realisieren, wenn gleichzeitig viele Milliarden gebraucht werden, um den Sozialausgleich bei der Gesundheitsprämie zu finanzieren. Und dennoch: Die CDU, diese konservative, biedere BRD-Vereinigung, hat sich zwei kleine Revolutionen vorgenommen und dabei keine Sekunde vergessen, dass das nicht lustig werden wird. Die meisten Delegierten ahnten, wie schwer diese Reformen erst werden, wenn man damit einst vor den Wähler treten muss. Die SPD wird im Moment für weniger Veränderung mit Umfragewerten nicht über 25 Prozent bestraft. Und das nicht so sehr wegen dem, was die Regierung beim Reformieren handwerklich falsch, sondern wegen dem, was sie richtig macht.

Wie sich die Bilder gleichen. Schröder und Merkel haben sich dasselbe vorgenommen, sie wollen gegen den Wind antreten. Er, weil er nicht mehr anders kann. Sie aus freiem Willen. Es ist faszinierend, ihnen und ihren Parteien dabei zuzusehen, wie sie Deutschland umdefinieren wollen, wie sie nach einer neuen Sprache suchen. In der Beschreibung der Gegenwart hat man sich dabei bereits geeinigt: Deutschland steht am Scheideweg; wenn nicht Einschneidendes geschieht, steht dem Land der Abstieg bevor.

Auch die Vergangenheit wird neu ertastet. Einig ist man sich über das Minimum: die Singularität von Auschwitz und darüber, dass die Deutschen nicht aus einem Schatten treten können, den sie selbst werfen. Die SPD brauchte dafür keine Klarstellung, die Union nach der Hohmann-Affäre schon. Merkel hat sie geleistet. Schwerer fällt es beiden Seiten, das Positive der deutschen Geschichte zu beschreiben. Von Gründerjahren ist die Rede, von den Wundern von Bern und Lengede, bei Merkel auch von der Selbstaussöhnung der Deutschen. Die Ostdeutsche versuchte in Leipzig sogar das Jahr 1968 vorsichtig einzupassen in ihr Deutschlandbild, jenes Datum, das sie noch in der Debatte um die militante Vergangenheit von Joschka Fischer als überflüssig bezeichnet hatte. Unübersehbar ist das schwarz-rote Bemühen, aus den letzten fünfzig Jahren deutscher Geschichte Kraft und Selbstbewusstsein für einen neuen Aufbruch zu ziehen. Das fällt der Union leichter, weil sie nicht so krampfhaft an den siebziger Jahren hängt, jenem Jahrzehnt, da die Reise in den umfassenden Wohlfahrtsstaat begann. Die Fünfziger, die Gründerjahre, waren sozusagen das Jahrzehnt der CDU. Und Adenauer war, laut ZDF, der beste Deutsche.

Die Zukunftsbilder von Merkel und Schröder unterscheiden sich nur zum Teil. Bei ihr sieht Deutschland freier und rauer aus, auch animierender. Sein Bild vom Morgen enthält mehr Staat und viel Zuckerbäcker-Sozialdemokratismus. Beiden gemeinsam ist indes ein anderer Aspekt. Sie stellen sich das Deutschland der Zukunft technischer vor – und skrupelloser. Merkels Polemik gegen zu viel Humanität für Legehennen darf dabei als Pars pro Toto verstanden werden. Ebenso wie Schröders Entmoralisierung des deutschen Außenhandels, die er schon auf seiner Reise ins autoritäre Saudi-Arabien betrieb und zurzeit in China erst recht demonstriert. Das wiederum passt zu Merkels neuer Monotonie: Wachstum, Wachstum, Wachstum rief sie in die Leipziger Messehalle. Man kann sich allerdings fragen, wie man einen neuen Stolz auf die letzten fünfzig Jahre entwickeln und zugleich die tief darin verwurzelten ökologischen und menschenrechtlichen Skrupel beiseite wischen will.

Noch tasten sie sich, wie gesagt, erst vor. Und sie verändern sich. Merkel sehr, Schröder etwas weniger, Franz Müntefering stark, Edmund Stoiber ein bisschen. Positiv, auch ermutigend daran ist, dass zurzeit diejenigen belohnt werden, die sich am meisten verändern und am ehrlichsten reden. Müntefering war der Sieger von Bochum, Merkel die Siegerin von Leipzig. Der mitunter alberne Machtkampf in der Union hat sich fürs Erste erledigt. Die Parteichefin führt, Roland Koch schweigt, und Edmund Stoiber wird sich überlegen, ob er nicht doch noch Bundespräsident werden muss, wenn er jemals über Bayern hinauskommen will.