So, liebe Leser, wie laut stöhnen Sie denn beim Sex? Könnten Sie das mal vormachen, damit ich einen Eindruck bekomme? Was, das ist Ihnen zu persönlich? Also, dann wird’s schwierig mit Ihnen und mir, das sage ich Ihnen gleich. Na gut. Ein paar zahmere Fragen, extra für Sie: Kochen Sie übel riechende Sachen? Lesen Sie Schweinkram? Mann, irgendwas sollten Sie jetzt aber schon verraten! Haben Sie Essstörungen? Einen Putzfimmel? Fußpilz?

Ehrlich gesagt, ich möchte die Antworten nicht wissen. Ich wollte Ihnen nur zeigen, wie man sich bei einem WG-Casting fühlt. Ein WG-Casting ist eine Art Gesellschaftsspiel unter Studenten: Eine Gruppe von Menschen (die "Wohngemeinschaft") entdeckt, dass in ihrer Wohnung ein Zimmer frei ist. Daraufhin melden sich etwa 20 Mitspieler (die "Bewerber"), die einziehen wollen; die WG sucht sich einen aus.

Vor meinem ersten Casting stellte ich mir eine WG so ähnlich vor wie die Kelly Family. Man hat sich lieb, lässt seine Haare um die Wette wachsen; singt gemeinsam so laut, dass man berühmt wird, zumindest bei den Nachbarn. Ein Aushang an der Uni kam mir gerade recht: "Musikalische WG sucht Mitbewohner(in). Schau vorbei, Dienstag, 18 Uhr." Zum angegebenen Zeitpunkt fand ich mich dann jedoch leider nicht in den Armen einer Hippie-Gemeinschaft wieder, sondern in einer Schlange im Hausflur. Einzeln rief man uns von dort in die Küche, zum Verhör.

"Wie laut hast du Sex?"

"Du hast lange Haare", begann meine Vernehmung, "brauchst du viel Zeit unter der Dusche?" – "15 Minuten." – "Ganz schön lange." – "Dafür dreh ich beim Shampoonieren das Wasser aus." – "Aber wenn in dieser Zeit jemand aufs Klo muss? Hm, ist schon sehr fraglich, ob du zu uns passt…" – "Okay, ich könnte meine Duschzeit halbieren."

"Super. Dann erzähl mal, was machst du, wenn der GEZ-Mann klingelt?" – "Nicht auf." – "Klasse. Und wie oft und laut hast du Sex?" – "Verdammt, was soll das, könnten wir endlich normal miteinander reden?" – "Tssss, du wirst aber schnell pampig! Wie viel isst du denn so? Wir kaufen nämlich alle Lebensmittel gemeinsam ein."

Von da an begann ich zu kämpfen. Egal, um welchen Preis, ich wollte hier wohnen – um mich für ihre Demütigungen zu rächen: Einmal eingezogen, würde ich den GEZ-Mann persönlich in diese Bude einladen. Und zwar auf eine wohngemeinschaftlich erworbene Tiefkühlpizza.