Das häufigste Dingwort – wenn dieser Kinderausdruck erlaubt ist – in dieser neuen Gedichtsammlung heißt Wind. Der Wind ist unterwegs, ist ohne Ehrgeiz, seiner Sache nicht sicher, er kämmt die Bäume, kalkt die Fassaden, umweht honigsüße Kindheitsworte, zerrt an den Kleidern wie ein Dieb.

Kein Wunder, denn diese Verse tun, was sie sagen: Sie brauen sich zusammen zu einem Gewitter, das zwischen Seite 56 und 57 stattgefunden haben muss. Danach beruhigen sich die Elemente, Himmel und Wolken werden nicht mehr so häufig angerufen, Vögel, Hasen, Schmetterling, Schafe, Ziegen und Feldmäuse ziehen sich aus den Versen diskret wieder zurück. Die Menschenwelt hat den Dichter wieder, die Abendnachrichten verlangen ihr Recht, Bücher und Kriege drängen sich vor, im Fernsehen schneit es auf allen Programmen, und statt dem Gesang des Windes zu lauschen, diskutiert man vor Parkhäusern über den Begriff des Schönen. Das ist, in lyrischer Verknappung, der Gang der Welt im Großen und der des Menschen im Kleinen. Im Anfang dazu geboren, Regen, Erde, Gras, Wind und Licht zu erforschen, Kälte und Wärme zu spüren, begnügt sich das ausgewachsene Exemplar damit, "in den alten Wörterbüchern nach der exakten Bedeutung von Glück" zu suchen.

Eine sanfte, nachmitternächtliche Melancholie folgt in diesen Gedichten auf den kurzen Frühling einer – bedenkt man die bürogeschützte Existenz des Verfassers – ganz erstaunlichen Leidenschaft für das Kreatürliche, das von der Tierart Mensch unbelästigte "Naturstück":

Über dem Horizont steht ein Vogel.

Er sieht den Hasen, der über die Wiese fliegt,

die Zeit macht sich aus dem Staub.

Eine Maus im unsterblichen Unkraut.