Haben Sie mal eine Zigarette? Ich gewöhne mir gerade das Rauchen ab, so lautet die herzliche Begrüßung. Wir haben uns in seinem Büro verabredet, in München-Bogenhausen, einen Steinwurf von Thomas Manns (nicht mehr existierendem) Haus in der Poschinger Straße entfernt. Entweder vor neun oder nach sieben, hatte er am Telefon gesagt, dazwischen muss ich arbeiten.

Kaum habe ich sein Zimmer betreten, weist er mit ausgestrecktem Arm auf eine riesige Buche vor seinem Fenster, die mit ihren gelb-rot gefärbten Blättern wie ein loderndes Feuer aussieht. Wissen Sie, wie viel Liter Wasser dieser Baum täglich bis zu dreißig Meter hoch und in jeden noch so kleinen Ast pumpen muss?, fragt er mich. Ich schwieg, weil ich ja eigentlich über Bücher reden wollte. Ob er seine Kollegen auch mit solchen Fangfragen überrumpelt?

Ein Kraftwerk, sagte er nun milde und hält mir einen knappen Vortrag über Fotosynthese und Wasserbevorratung in Bäumen, der mit der Bemerkung endet: Wir wissen nichts, die so genannte Wissensgesellschaft ist ein großer Schwindel. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass wir heute die umfassendste Verblödung des Menschengeschlechts erleben. Merkwürdig bei ihm ist der nahtlose Übergang von flammender Rede zu einem melancholischen Brüten, als würden zwei oder mehrere Personen in ihm leben, ein aufbrausender Ankläger und ein demütiger Bewunderer, die sich gegenseitig nicht ganz grün sind. Während ich darüber nachdenke, überfällt er mich mit einem neuen Redeschwall: Haben Sie je einen Biologen in einer der furchtbaren Talkshows gesehen? Einen Gen-Forscher? Einen intelligenten Menschen?

Während ich krampfhaft überlege, wen ich gerade bei der Maischberger oder Illner oder Kerner gesehen habe, gibt er schon die Antwort: Nein, nur ausrangierte Tennisspieler, drittklassige Schlagersänger oder so genannte Modeschöpfer. Lagerfeld auf allen Programmen, ein Mann, der buchstäblich nichts zu sagen hat und vor lauter Scham darüber sich einen Fächer vors Gesicht hält. Ein reines, abgemagertes Nichts, zur besten Sendezeit. Für einen "hohen fünfstelligen Betrag" hat die ARD für uns und unsere Pisa-Dummchen Frau Harald Juhnke eingeladen. Man sollte vor die Gespräche mit Lagerfeld + Co. ein Schild analog der Warnung auf Zigarettenschachteln schalten: Diese Sendung fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu.

Aber wenn wir zum Beispiel Herrn Plog, den Oberintendanten der ARD, darum bitten, die Kulturprogramme nicht immer mehr in Richtung Mitternacht auszustrahlen, erhält man eine patzige Antwort. Warum darf Joop, der den schlechtesten Roman des Herbstes geschrieben hat, stundenlang Reklame für seinen Mist machen?

Während ich, um Michael Krügers Rede nicht zu stören, angestrengt auf die lodernde Buche starre, frage ich mich, ob seine Empörung vielleicht daher rührt, dass Frau Illner oder Herr Beckmann ihn nie eingeladen haben. Also frage ich ihn. Er schaut mich pathetisch-verblüfft an und sagt: Ja, das wäre die Lösung, dann könnte man zum Beispiel mal erzählen, dass die Frau des Chefredakteurs der Bild- Zeitung, in der täglich Reklame für Bohlen gemacht wird, Koautorin der Bohlen-Memoiren ist. Wenn ein städtischer Angestellter seiner Frau einen Auftrag zuschustert, kommt er bei Bild an den Pranger, aber die eigenen Schweinereien sind erlaubt. Wir leben in einer Zeit der Lüge, der Feigheit und des Verfalls der gesellschaflichen Institutionen, und die ökonomische Krise ist nur ein Anhängsel.

Als er gerade zu einer neuen Rede anheben will ("Nehmen Sie einmal den europäischen Verfassungsentwurf…"), springt gottlob ein Eichhörnchen mit einem mächtigen Satz aus der Buche auf einen schon kahlen Ahorn. Wussten Sie, sagt er, dass die Eichhörnchen vergessen, wo sie ihre Nüsse vergraben haben? Eine Tragödie!

Die Stunde ist fast um. Er hat über den bedauernswerten Stand der Hochschulen, über die Kirche und die anstehende Papstwahl, über das Klonen, die desaströse Wirtschaftspolitik, über den Bertelsmann-Konzern, den er offenbar besonders schätzt, und über hundert andere furchtbare Dinge geredet, als müsse er vor Arbeitsbeginn alle Welträtsel wenigstens zur Sprache gebracht haben. Inzwischen werden bedenklich schwankende Papierhaufen in das ohnehin übervolle Zimmer geschleppt, in dem zahlreiche mit Büchern und Manuskripten gefüllte gelbe Plastikwannen der Post auffallen.