Endlich können wir wieder über den Platz vor der Fenice laufen. Wir, die Bewohner des Campo San Fantin, haben seit fast acht Jahren auf einer Baustelle gelebt. Acht Jahre lang war unser Platz nur noch ein Schatten seiner selbst, zugestellt mit Baucontainern, Kabelrollen, Bauholz, verbarrikadiert hinter einem meterhohen Metallzaun, gegen den die Gäste des benachbarten Restaurants Antico Martini blickten. Die Bar Al Teatro wurde seit dem Brand wegen mangelnden Zulaufs verkleinert, die Kirche ist seit einem Jahr geschlossen. Vom Campo war nur ein Durchgang geblieben – es war der Lieblingsplatz der Bauarbeiter. In der Mittagspause saßen sie auf dem Marmorsockel der kleinen Kirche von San Fantin und starrten auf die Beine der vorbeigehenden Frauen, die Gewissheit genießend, sie berühren zu können, wenn sie nur die Hand ausgestreckt hätten.

Seitdem der Campo San Fantin wieder geräumt ist, nähern wir uns ihm so ungläubig wie einem Freund, der von einer langen Reise zurückgekehrt ist, dessen Gesicht uns fremd geworden ist. Langsam versuchen wir, uns wieder aneinander zu gewöhnen, zaghaft ergreifen wir von ihm Besitz, laufen misstrauisch über sein frisch verlegtes Pflaster, als könne er über Nacht wieder verloren gehen. Unsere Augen wandern über die Fassade der Fenice, die so strahlend weiß ist, dass sie nach Flecken schreit, wir richten den Blick auf die beleuchteten Fenster, die den Blick freigeben auf glitzernde Kronleuchter, auf rosa Marmorsäulen im Wandelgang, auf frisch geschliffenen Terrazzo. Der goldene Phönix des Vestibüls hing bis gestern noch unter einer verstaubten Plastikplane. Arbeiter schließen die beiden Gaslaternen rechts und links vom Eingang wieder an. Schon sitzen die ersten Touristen auf den Stufen der Fenice und machen Picknick. Ein junger Mann mit Trekking-Stiefeln und eine junge Dame mit Survival-Rucksack. Die Venezianer sehen großherzig über sie hinweg. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Wiedereröffnung der Fenice-Oper.

Die venezianische Tageszeitung Nuova Venezia ergeht sich in fiebriger Erwartung der Eröffnung der Konzertwoche durch Ricardo Muti am 14. Dezember. Wird Staatspräsident Ciampi "seine Lenden" in der Königsloge ruhen lassen oder doch im Zuschauerraum? Muss ein Platz für Ministerpräsident Berlusconi freigehalten werden? Was bedeutet sein sibyllinisches "Ich werde mein Möglichstes tun"? Kommt er, oder kommt er nicht? Warum hat der spanische Ministerpräsident Aznar abgelehnt? Wäre Prinz Charles mit Camilla gekommen, hätte der letzte Skandal nicht seine Reiselust getrübt? Wo wird die belgische Königin sitzen?

1100 Gäste werden für den Eröffnungsabend erwartet, nur 300 Plätze wurden für Venezianer reserviert. Wenn jedoch die Karten für Abonnenten, Honoratioren, Stadtpolitiker samt Ehefrauen abgezogen würden, seien die Bewohner der Stadt zumindest vom Eröffnungsabend praktisch ausgeschlossen, behaupten die Venezianer. Platz nehmen wird stattdessen die Creme des italienischen Parlaments und der Industrie, die ehemalige Außenministerin Susanna Agnelli, die Modeschöpferin Laura Biagiotti und etwas Hollywood: Al Pacino, Martin Scorsese und George Clooney, die zufällig gerade in Venedig drehen. Ricardo Muti wird das Eröffnungskonzert mit Beethoven, Strawinskij, Antonio Caldara und Richard Wagner beginnen. Es folgen das Londoner Philharmonieorchester, die Wiener Philharmoniker, Elton John. Die Blumendekoration wird ein Geschenk der Insel Mauritius sein. Venedig wird leuchten.

Überall Blattgold. Doch ihm fehlen 150 Jahre Leben

Im Inneren der Fenice spuckt ein Arbeiter auf den Boden. Es riecht nach Farbe, das Parkett in den Apollinischen Sälen ist noch nicht vollständig verlegt, und von den Decken hängen Kabel. 300 Handwerker arbeiten bis zur Eröffnung rund um die Uhr. Überall hängen Schilder: Rauchen verboten! In jeder Ecke stehen Feuerlöscher. Und in der Sala Dante hobelt ein Schreiner mit Zigarette im Mundwinkel das Parkett zurecht.

Die Sessel im Zuschauerraum sind noch plastikverpackt, aber das Gold der Fenice glänzt bereits. Es glänzt nicht nur, es springt die Betrachter an. Von der Decke, von den Zuschauerrängen, aus den Logen. Auch wenn man weiß, dass hier wie vor 150 Jahren Blattgold in mühevoller Arbeit aufgetragen wurde, Abertausende von handtellergroßen, zarten Blättern aus Gold – man zuckt bei seinem Anblick zusammen. Dem Gold fehlen 150 Jahre Leben.

"Wie sie war, wo sie war", würde die Fenice wiederaufgebaut, hatte Ex-Bürgermeister Massimo Cacciari nach dem Brand beschieden, an jenem Morgen des 29. Januar 1996, als er wie ein geschlagener, dennoch zuversichtlicher venezianischer Seeadmiral vor der qualmenden Ruine stand. Und das ist nun das Ergebnis: ein altes neues Theater. Wenn man im Zuschauerraum steht, hat man das Gefühl, einer schön geschminkten Toten in das Gesicht zu blicken. Alles ist sehr. Sehr türkis, sehr golden, sehr rosa, sehr bemüht. Die Dekorationen an den Zuschauerrängen, der Stuck, der Terrazzoboden.

Keine Mühe sei gescheut worden, um die Fenice genau so wiederauferstehen zu lassen, wie sie war, verheißt die Theaterleitung. Getreu dem Original von 1792, schwankend zwischen Neobarock und Neorokoko. Der gleiche Kronleuchter, die gleichen Goldsphinxe, die gleichen Dekorationen der Zuschauerränge. Sie wurden von den Fratelli Mattei in Rom gemalt, die sich bei der Rekonstruktion der Dekorationen an Fotos und an den Visconti-Film Senso gehalten hätten. Der Stoff, mit dem einige Wände der Apollinischen Säle bespannt sind, sei von Rubelli hergestellt worden, dem gleichen venezianischen Stoffhersteller, von dem auch die Originale stammten. Jeder Engelsflügel aus Stuck, jede vom Feuer verschonte Freske wurde wie eine Reliquie behandelt, wieder eingebettet in ihren alten Platz. Die Fresken im Aufgang zur Königsloge waren nicht verbrannt, aber durch das Salz des Löschwassers beschädigt. Der rote Brocatello-Marmor, der in die halb zerfressenen Türbögen wieder eingefügt wurde, stammt aus dem gleichen Steinbruch wie das Original. Die Bühnenmaschinerie wurde in Deutschland hergestellt, auch die Akustik wird von einer deutschen Firma berechnet, alles sei auf dem neuesten technischen Stand. Der Terrazzoboden wurde auch wieder gegossen und geschliffen, allerdings nicht mit Kalk und Marmorsplittern, so wie früher, sondern mit Zement, die Zeit drängte, und Kalk braucht sechs Monate, um zu trocknen.

Pünktlich zur Theatereröffnung fand in Venedig ein Kongress zum Thema "Die Kopie in der Architektur" statt, und die italienischen Feuilletonisten verlieren sich seither in labyrinthischen Ausführungen über das Für und Wider der Kopie. Kann eine kopierte Fenice überhaupt eine künstlerische Würde in Anspruch nehmen? Immerhin wurden im Original einige der wichtigsten italienischen Opern uraufgeführt, von Rossini, Bellini, Donizetti, und immer wieder Verdi, darunter Rigoletto und La Traviata. Ist es nicht ein Zeichen für die Schwäche einer Gesellschaft, wenn sie so etwas zu kopieren versucht? Oder ist das Kopieren vielmehr Ausdruck höchster Kunst, wie bei den römischen Kopien griechischer Skulpturen? Ist eine gute Fälschung dem Verlust eines Originals vorzuziehen? Das sind die Fragen, die jetzt bewegen, und nicht, wie es dazu kam, dass der Phönix in nur einer Nacht in Asche versinken konnte.

In der Nacht, in der die Fenice abbrannte, hatten wir Glück, denn es war windstill. Das Feuer loderte wie in einem Kamin – begrenzt von den Außenmauern des Theaters. Ein geringer Funkenflug hätte gereicht, und das ganze Stadtviertel San Marco wäre in Flammen aufgegangen. Der Kanal unter unseren Fenstern, der auch die Fenice umgibt, war trockengelegt. Wegen Säuberungsarbeiten. Ein Brief, der zuvor bei Bürgermeister Cacciari eingegangen war und auf die Brandgefahr während der laufenden Renovierungsarbeiten im Theater hingewiesen hatte, war nicht zur Kenntnis genommen worden.

Noch Wochen danach roch es verkohlt. Neugierige ließen sich vor der Ruine fotografieren, sogen den Brandgeruch ein und hinterlegten in Zellophan gepackte Blumensträuße. Wir wurden Zeugen, wie Staatspräsident Scalfaro an die Unglücksstelle pilgerte und in seiner Folge das halbe italienische Parlament, schließlich Woody Allen, mit dessen Jazzkonzert das Opernhaus nach den unglückbringenden Renovierungsarbeiten hätte wiedereröffnet werden sollen. Vor der Ruine hauchte der Regisseur immer wieder ein bekümmertes terrifying! in die Kameras. Woodys Konzert fand trotzdem statt. Im kahlen Theater Goldoni zwar, aber immerhin. Er widmete es der abgebrannten Oper. Ideell, denn den Erlös seines Konzertes nahm er mit.

Der damalige Intendant der Fenice-Oper, Gianfranco Pontel, weinte in jede Kamera, die ihm entgegengehalten wurde, er beschwor seine Unschuld in der Maurizio-Costanzo-Talkshow, er schluchzte in den Nachrichten der RAI und beteuerte, dass er sein Leben gegeben hätte, um das Theater zu retten.

In der Zwischenzeit forschte der venezianische Oberstaatsanwalt Felice Casson nach den Ursachen des Brandes und stellte 14 Ermittlungsbescheide wegen Verletzung der Aufsichtspflicht aus, gegen den Bürgermeister, gegen Denkmalschützer, Intendanten, Ingenieure und Hausmeister. Jeden Tag gab es neue Erkenntnisse, bis man sich in der Bar Al Teatro schließlich fragte, warum das Theater nicht eigentlich schon viel früher abgebrannt war: Der Kanal war seit Monaten trockengelegt, die Feueralarmanlage ausgestellt, es gab Elektroöfen, an denen sich die Verwaltungsangestellten wärmten und mit denen der Stuck getrocknet wurde, außerdem fünfzig Dosen brennbarer Kunstharze und einen Benzintank, neben dem geschweißt, gelötet und gefackelt wurde, ein einziger Hausmeister sollte ein Gebäude von 65000 Quadratmetern bewachen, und erst wenige Wochen vor der Katastrophe war es im Theater bereits zu einem kleinen Brand gekommen. Nicht zuletzt war die Fenice schon 160 Jahre zuvor Opfer eines kleinen Heizofens geworden – allerdings war es den Österreichern da gelungen, die Oper bereits in einem Jahr wieder aufzubauen.

Nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch Oberstaatsanwalt Casson vermuteten zunächst die sizilianische Mafia als Brandstifter – Bosse der Cosa Nostra, vom Rang eines Totò Riina, eines Leoluca Bagarella. Auch rechtsextreme Attentäter wurden nicht ausgeschlossen. Die Wahrheit war dann ziemlich banal: Zwei venezianische Elektriker hatten das Feuer gelegt, um einer Konventionalstrafe von 50 Millionen Lire, heute 25000 Euro, zu entgehen, die ihnen wegen verspäteter Arbeiten drohte – zuzüglich des Schadens, die dem Theater durch die Verspätung entstanden wären. Sie legten den Brand um 20.30 Uhr in der Galerie der Fenice. Verraten hatten sie sich wegen ihrer falschen Alibis. Gestanden haben sie bis heute nicht. Überführt wurden sie durch die Beweislast, die Staatsanwalt Casson dem Gericht mit einer dreidimensionalen Computer-Simulation des Brandes vorführte.

Die Brandstifter sind endlich verurteilt. Einer ist auf der Flucht

Im Juli dieses Jahres, mehr als sieben Jahre nach dem Brand, wurden die beiden Elektriker Enrico Carella und Massimilano Marchetti in dritter und damit endgültiger Instanz zu sechs und sieben Jahren Haft verurteilt. Alle anderen Angeklagten, darunter Bürgermeister Cacciari, wurden freigesprochen. Bis zu dem endgültigen Urteilsspruch im Sommer waren die beiden Elektriker auf freiem Fuß, die Haft trat allerdings nur Massimiliano Marchetti an, Enrico Carella ist seither flüchtig: è latitante, was auf Italienisch so vertraut klingt, als handele es sich lediglich um die Bezeichnung eines Verwandtschaftsgrades.

Während noch gegen die Brandstifter ermittelt wurde, war die Fenice bereits unter 14 Verwaltungsgerichtsprozessen begraben. Bei der ersten Ausschreibung im Jahr 1996 hatte die dem Fiat-Konzern zugehörige Impregilo den Wettbewerb gewonnen, mit einem Entwurf der Architektin Gae Aulenti. Die Impregilo habe nicht nur mit den geringsten Kosten, sondern auch der kürzesten Zeit überzeugt: Fertigstellung in nur 823 Tagen, 60 Tage weniger als der Konkurrent, die italienisch-deutsche Baufirma Holzmann-Romagnoli mit dem Architekten Aldo Rossi.

Im Juni 1997 begann die Firma Impregilo zu arbeiten. Allerdings nicht lange. Denn inzwischen hatte ihr Konkurrent Einspruch beim Verwaltungsgericht eingereicht: Anders als ihr Entwurf sehe der Plan der Impregilo nicht den Umbau des 500 Quadratmeter großen Südflügels vor, in dem Aldo Rossi einen neuen Konzertsaal, Übungs- und Konferenzräume vorgesehen habe. Kein Wunder also, dass der Entwurf von Gae Aulenti weniger Geld und Bauzeit beanspruche. Die Richter des Verwaltungsgerichtes gaben Holzmann-Romagnoli Recht. Dagegen legte die Impregilo Berufung ein. Es kam zu einem Urteil des Staatsrates, die Impregilo musste die Baustelle verlassen, und die Holzmann-Romagnoli zog ein. Vertraglich garantiertes Ende der Arbeiten: April 2003.

Zwei Jahre nach diesem Urteil, im Juni 2001, lässt Bürgermeister Costa alle Arbeiten stoppen und die Baustelle räumen. Allerdings nicht wegen der Holzmann-Pleite: Im Falle des Konkurses von Holzmann übernahm Romagnoli automatisch die Verantwortung. Grund waren die angeblich zu langsam ausgeführten Arbeiten: Die Holzmann-Romagnoli habe in den zwei Jahren lediglich sechs Prozent der Arbeiten ausgeführt. Costa hat Erfahrung mit Großprojekten: Unter der Regierung Prodi war er Minister für öffentliche Arbeiten, sein Stadtrat Marco Corsini leitete die Rechtsabteilung dieses Ministeriums.

Der Wettbewerb um den Wiederaufbau wurde neu ausgeschrieben, mit der Auflage, die Fenice innerhalb von 630 Tagen wiederaufzubauen, bis zum November 2003. Es gewann die venezianische Firma Sacaim s.p.a., eine Tochterfirma des Fiat-Unternehmens Impregilo. Sie übernahm den Entwurf des inzwischen verstorbenen Architekten Aldo Rossi.

Es mag ein Zufall sein, dass die Sacaim s.p.a. eine Tochterfirma des Fiat-Unternehmens Impregilo ist – jener Firma, die ursprünglich den Auftrag für den Wiederaufbau der Fenice innehatte. Es mag auch ein Zufall sein, dass die Sacaim weitere umfangreichere Bauaufträge in Venedig ausführt, etwa die geplante Hochwasserschleuse, die Erhöhung des Pflasters als Schutz gegen das Hochwasser und den Ausbau des Stadtverwaltungsgebäudes am Campo Manin. Il solito, das Übliche, sagen die Venezianer, verberge sich hinter all den juristischen Schlachten. In der Bar Al Teatro wird dietrologia betrieben: die Kunst, etwas dahinter zu erkennen. Und hinter den ganzen juristischen Kämpfen sehen die Venezianer nichts anderes als die Schlacht um die Pfründen. Um Schmiergelder. Und meistens haben sie Recht. Es habe gewisse Unregelmäßigkeiten bei der letzten Ausschreibung gegeben, wurde Staatsanwalt Casson zugetragen. Aber solange wir keine Indizien für Korruption haben, können wir niemanden beschuldigen, sagt er.

Bürgermeister Paolo Costa und der Stadtrat Marco Corsini haben inzwischen ein Buch geschrieben, das pünktlich zur Eröffnung der Fenice erscheinen wird: der "Krimi" des Wiederaufbaus der Fenice. Und angesichts der Freude über den gelungenen Ausgang wird auch leicht darüber hinweggesehen, dass die Fenice nach der Eröffnungswoche wieder schließt, weil die Arbeiten noch keineswegs beendet sind. Die Opernsaison wird erst nächstes Jahr eröffnet, Lorin Maazel dirigiert La Traviata, am 13. November 2004. Aber mit der Konzertwoche sei der Vertrag eingehalten worden.

Bis dahin werden weiterhin die Arbeiter auf dem Sockel der San-Fantin-Kirche sitzen und auf die Beine der vorbeilaufenden Frauen starren. Wir haben uns schon so daran gewöhnt. Sie würden uns fehlen.