Die Behauptung enthält einen Wahrheitskern, etwa so winzig wie die Kerne der kernlosen Weintrauben. Dass die Trauben nur kleine, embryonale Kerne enthalten, die sich nicht zu reifen Samen weiterentwickeln, ist das Resultat von Züchtung. Fortgepflanzt werden die Pflanzen mithilfe von Stecklingen, also quasi durch Klonen.

Weil aber die Entwicklung der Kerne im Embryonalstadium stehen bleibt, fehlt auch ein wichtiges chemisches Signal, das in gewöhnlichen Trauben dafür sorgt, dass die Beeren sich zu voller Größe entwickeln – der Botenstoff für dieses Signal ist das Pflanzenhormon Gibberellinsäure. Die kernlosen Trauben würden also ziemlich winzig bleiben. Deshalb ist es üblich, sie in der Wachstumsphase mit diesem Hormon zu besprühen. Außerdem wächst durch diese Behandlung das Stielgerüst, sodass nachher die Beeren nicht so eng aneinander kleben, was sie schneller verderben lassen würde.

Wer jetzt aber befürchtet, dass der Genuss von kernlosen Trauben zu männlicher Brustbildung oder weiblichem Bartwuchs führen könnte, der sei beruhigt: Die Hormone der Pflanzen wirken nicht bei Mensch und Tier, weil wir keine Rezeptoren für diese Signalstoffe haben. Außerdem finden sich in den fertigen Trauben keine Gibberellin-Rückstände – die Hormonbehandlung erfolgt zur Zeit der Blüte, und bei der Ernte ist der Stoff längst abgebaut. Christoph Drösser

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