Ein Haus im Berliner Umland kann ich schon deswegen nicht kaufen, weil ich Angst vor Hunden habe. Außerhalb der Grenzen von Berlin verlasse ich praktisch nicht mehr das Auto. Im Umland hat man manchmal das Gefühl, es gibt mehr Schäferhunde als Menschen. Möglicherweise sind es auch Werwölfe.

Jetzt läuft gerade ein ostdeutscher Dokumentarfilm im Kino. Er heißt Vaterland und spielt in der Gegend von Zerbst, wo ich – aber das ist jetzt extrem subjektiv – nicht mal tot und begraben sein möchte. Man sieht die meiste Zeit Männer mit großen Hunden. Sie machen die Hunde scharf, dann trinken sie Bier, dann machen sie wieder die Hunde scharf, immer abwechselnd. Einer der Männer sagt in die Kamera: "Lieber zehn Russen als ein Wessi." Danach macht er wieder den Hund scharf. Ich dachte: "Klischees. So schlimm kann es auch wieder nicht sein." In allen Kritiken stand aber: "Sensibel und genau beobachtet. Sehr ehrlich." Da habe ich an den Kollegen aus München gedacht, der sich das Wochenendhaus gekauft hat, in Pase- oder Pritzwalk, ich verwechsele das immer. Hoffentlich kann er gut mit Hunden.

Kleine oder mittelgroße Hunderassen wie den Dackel, den Pudel oder den Pinscher sieht man in Deutschland praktisch nicht mehr. Dabei sind Dackel im Grunde genauso deutsch wie Schäferhunde. Sie sind sozusagen kleindeutsch. Ich habe meine Therapeutin gefragt, ob große Hunde ein Phallussymbol sind wie große Autos. Sie meint, nein. Es sei komplexer.

Ich glaube, ich weiß, warum manche Menschen Hunde lieben. Hunde sind gute Zuhörer. Wenn ich mit einem Hund rede, was wirklich schon vorgekommen ist, dann könnte ich schwören: Er versteht jedes Wort und steht hundertprozentig auf meiner Seite. In Wirklichkeit kapiert er überhaupt nichts, und ich bin ihm egal. Ich hatte mal einen Ressortleiter, der war genauso.

Die Wessis bei uns in Charlottenburg haben Barsois, Podhalanskis, Chinesische Schlüpfhunde, Shar-Peis, Do Khyis oder den Perro sin pelo de Peru. Jeder einzelne Wessihundebesitzer hat sich, um seine Individualität zu betonen, eine andere Rasse gekauft. Die Wessihunde sehen aus wie die Außerirdischen in dem Film Mars Attacks, haben die Farbe von Sushi, sind oft krank und so extrem selten, dass sie in ihrem ganzen Hundeleben nie ein anderes Exemplar von ihrer eigenen Sorte zu Gesicht kriegen. Ich glaube, ich wäre lieber ein Osthund.

Meine Therapeutin hat einen Xoloizcuintle. Xoloizcuintles haben kein Fell. Es sind mexikanische Nackthunde, eng verwandt mit dem Perro sin pelo de Peru, ideal für Allergikerhaushalte. Sie haben eine Haut wie ein Schwein, den Körper eines Dobermanns, die Ohren einer Fledermaus und blaue Augen wie eine Siamkatze. Es sind außerdem die einzigen Hunde mit Schwimmhäuten an den Füßen, wie Enten. Wenn man einen Schäferhundwerwolf aus Zerbst und einen Xoloizcuintle aus Charlottenburg nebeneinander setzt, sieht man auf einen Blick die ganzen deutschen Vereinigungsprobleme. Da muss man gar nichts mehr sagen.

Die frühen Mexikaner haben ihre Xoloizcuintles gegessen. Das Fleisch soll exzellent sein. Wie Ente. Außerdem können sie weinen. Man erzählt ihnen abends, was man an üblen Sachen im Büro erlebt hat. Oder im Umland, mit den Schäferhunden. Dann weinen die Xoloizcuintles. Und man fühlt sich gleich besser.