Am 7. Dezember ist die Jelzinepoche abschließend zu Ende gegangen. Der liberale Wind, der Russland in den neunziger Jahren eine bis dahin ungekannte Demokratisierung, aber auch die wirtschaftliche Schocktherapie gebracht hatte, verlor unter Präsident Wladimir Putin bereits seine Kraft. Nun erstirbt er. "Wir leben im neuen Russland", sagt der stellvertretende Chef der Präsidentenverwaltung. Es klingt nach einer Drohung. Der Triumph der "gelenkten Demokratie" hat Putin, dem Allmächtigen, mit einem letzten Schlag gegen das Prinzip der demokratischen Gewaltenteilung ein handzahmes, nationalistisch gesinntes Parlament mit womöglich verfassungsändernder Mehrheit verschafft.Seit Monaten dampfte die Staatsmaschinerie für die Machtpartei "Einiges Russland". In den Medien, den Behörden und Wahlämtern, vor den Gerichten und in den Stimmenzählstuben demonstrierte sie nach sowjetischem Prinzip, dass einige gleicher sind als die anderen. Entsprechend stellten die internationalen Beobachter fest, dass die Wahlen in vielen Punkten westlichen Standards nicht entsprachen. Da konnte es schon mal passieren, dass dem Kremltreuen Direktkandidaten in Tschetschenien wie in einer Anekdote das Traumergebnis von 100 Prozent zugesprochen wurde. In Putins Reich erobern nicht die Parteien die Macht, sondern die Macht hält sich ihre Parteien. Neben "Einiges Russland", dem Hort der Bürokratie-Nomenklatura und Regionalfürsten, lassen die Spin doctors im Kreml noch die LDPR des rabaukigen Nationalisten Wladimir Schirinowskij und die "Heimat" als vermeintliche Oppositionskräfte zum demokratischen Schein an ihrer Leine laufen. Schirinowskij erwies sich als bekennender Zyniker, als er in einer Art Wählerbeschimpfung dem Publikum zuraunzte, dass es in Russland immer eine Diktatur und Sklaverei und niemals Demokratie und eine Bürgergesellschaft geben werde. Seine Partei, die für jedes lukrative Gesetzesprojekt im Parlament gerne ihre Stimmen abtritt, soll die Protestwähler einsammeln und entschärfen. Die Genialität dieses Callboys der Macht liegt darin, dass er seit zwölf Jahren den Schein eines unerbittlichen Oppositionärs bewahren kann. "Heimat" wiederum sollte als linksnationalistische virtuelle Partei die Kommunisten schwächen und ist, Frankenstein gleich, zum neunprozentigen Monster mutiert.Die liberalen und einigermaßen westorientierten Parteien "SPS" und "Jabloko" sind an der Fünfprozenthürde gescheitert. Manche Politiker der "SPS" diskreditierten sich, indem sie jahrelang von einem autoritären System à la Pinochet mit freier Wirtschaft schwärmten. Die führenden Politiker beider Parteien waren trotz der drohenden Wahlniederlage nicht imstande, persönliche Eitelkeiten und Kränkungen für einen gemeinsamen Wahlblock zu vergessen. Die Kommunisten, die es sich unreformiert im Moskauer Establishment wohl sein ließen, haben das Bild einer glaubhaften Opposition schon lange eingebüßt und wurden auf die Hälfte ihrer bisherigen Stimmenzahl gedemütigt.Die Wahl hat auch gezeigt, dass sich bereits heute für die nächsten vier Jahre ein beträchtliches Protestpotential angesammelt hat. Die meisten Wähler der LDPR, der Kommunisten und von "Heimat", die mehr als 30 Prozent zählen, stimmten gegen die Staatspolitik.Noch liegt Putin in der Gunst der Menschen unangefochten vorn. Doch von nun an, in der Hochzeit der Putinschen Epoche, trägt der Präsident allein alle Verantwortung. Hinter der heilen Fassade des faktischen Einheitsparteienstaates werden Verteilungskämpfe ausbrechen. Die Staatsfetischisten und Geheimdienstler werden gestärkt gegen die Reste des demokratischen, weltzugewandten und reformfreudigen Russlands vorgehen. Ausgerechnet seine absolute Macht könnte Putin so bedrohen. Falls er sich nicht doch noch in einem Befreiungsschlag als historischer Staatsmann offenbart, bleibt ihm in seinem autoritären Regime nur das schärfere Anziehen der Repressionsschraube.Am 7. Dezember ist Russland, wie es der Schriftsteller Wiktor Jerofejew ausdrückte, an der Fünfprozenthürde der zivilisierten Welt gescheitert.