Eine prima Woche war das für den Hamburger Bürgermeister, wie aus dem Handbuch der PR-Strategen. Zunächst verlieh Ole von Beust einem seinem Vorgänger, Klaus von Dohnanyi, am Dienstag eine städtische Verdienstmedaille. Am Mittwoch folgte die Ehrenbürgerschaft für Uwe Seeler. Am Donnerstag saß das Stadtoberhaupt in der ersten Reihe, als der Verleger Hubert Burda in Hamburg seine Bambis verteilen ließ. Und am Freitag verneigte sich von Beust schließlich sehr gekonnt vor der Kronprinzessin von Schweden, Victoria heißt sie, die mit einer Rose in der Hand die Rathaustreppe hinaufstieg.

Mochte die Opposition in der Hansestadt noch so sehr schimpfen über das "Eventmanagement", das der Senat betreibe, und über die 500000 Euro, die die Stadt allein für die Bambi-Verleihung bezahlt hat – von Beust konnte sich freuen. So schön bunt waren die Bilder, so viele Prominente tummelten sich in Hamburg, dass zwei andere Ereignisse dagegen deutlich verblassten: Am Mittwoch der vergangenen Woche wäre hier um ein Haar die Koalition geplatzt. Und am Samstag feierte von Beusts Intimfeind Ronald Schill seine spektakuläre Rückkehr aus dem politischen Jenseits.

So geht das mit diesem Bürgermeister nun schon seit zwei Jahren. Seine Regierung, jenes fragwürdige Dreierbündnis aus CDU, FDP und Schill-Partei, schlingert; der Populist Schill rüpelt; Bürger protestieren; und die auswärtigen Medien beschreiben die Szenerie in der stolzen Stadt mit Grausen (der Tagesspiegel: "Deutschlands peinlichste Koalition"). Nur Ole von Beust, der Bürgermeister, bleibt von alledem merkwürdig unberührt.

39 Prozent verzeichneten die jüngsten Umfragen für die Hamburger CDU, das sind satte 13 Prozent mehr als bei der Wahl vor zwei Jahren. Und auch die persönlichen Werte weisen von Beust als außerordentlich beliebten Politiker aus – erst recht, seitdem sein damaliger Stellvertreter Schill im Sommer versucht hatte, ihn mit dem Hinweis auf seine Homosexualität und ein angebliches Verhältnis mit dem Justizsenator zu erpressen. Der Norddeutsche Rundfunk hat von Beust sogar als "Mensch des Jahres 2003" nominiert. "Ein Phänomen", seufzt SPD-Fraktionschef Walter Zuckerer. "Ach, wissen Sie", sagt von Beust, "vielleicht bin ich für die Menschen einfach glaubwürdig."

Um das Phänomen zu erklären, muss man noch einmal kurz zurückschauen auf die Karriere des Carl-Friedrich Arp Freiherrn von Beust, der sich seit seinem 18. Geburtstag Ole nennt, wie ihn die Großmutter früher gerufen hatte. Bereits mit 23 Jahren zog von Beust als Abgeordneter in die Hamburger Bürgerschaft ein; mit 38 rückte er an die Spitze der CDU-Fraktion, als Hoffnungsträger einer siechen Partei. Bis dahin galt er als junger, sympathischer und ziemlich lockerer Typ; ein aufgeschlossener Konservativer, der offen über eine Koalition mit den Grünen spekulierte und in der politischen Auseinandersetzung unnötige Schärfe vermied.

Doch spätestens im Wahlkampf 1997, von Beust kandidierte zum ersten Mal für das Amt des Bürgermeisters, kehrten sich die Vorzeichen um. Seine Gelassenheit wurde nun als Unernst gedeutet; dem jungen Mann fehle das Durchsetzungsvermögen, hieß es. Es war die Zeit, da von Beust Journalisten mit Stimmimitationen von Helmut Kohl erfreute, die Damen aus seinem Wahlkampfteam zu selbst gemachtem Gazpacho einlud und sein Konkurrent Henning Voscherau erzählte, wie er Ole noch in dessen Elternhaus erlebt habe: als kleinen Jungen in kurzen Hosen. Es war die Zeit, in der von Beust zwar immer noch ein sympathischer Mann war, aber keiner, dem man ernsthaft zutraute, die Hansestadt zu regieren. Eine Art Bambi-Politiker.

Man habe seine Freundlichkeit damals als mangelnden Machtwillen missverstanden, sagt von Beust heute – und versucht damit gleichzeitig zu erklären, was nun geschah. In der Hamburger Politik tauchte plötzlich der rechtspopulistische Amtsrichter Ronald Schill auf, und Ole von Beust ergriff diese ungeahnte Chance mit einer Härte und Entschiedenheit, die die meisten überraschte. Schill gewann die Wahl, von Beust wurde Bürgermeister – als erster Christdemokrat nach mehr als vier Jahrzehnten ununterbrochener SPD-Herrschaft. Bei aller Aufregung, die den Aufstieg Schills zum zweiten Mann der Hansestadt begleitete, hatte von Beust ein Argument stets auf seiner Seite: Das Wahlergebnis vom 23. September 2001 war in der Tat ein Votum für den politischen Wechsel; die Alternative zum Bündnis mit Schill wäre eine große Koalition gewesen, die dem Populisten wahrscheinlich weiter Auftrieb verliehen hätte.

Von Beust rechnete anders. Erst wollte er mit Schill regieren, dann wollte er ihn überflüssig machen. Die Rechnung ging, vorerst jedenfalls, auf. Denn während Schill in den bürgerlichen Kreisen, die ihn unterstützt hatten, mehr und mehr zur Unperson wurde, gewann von Beust an Statur. Dabei kamen ihm nun ausgerechnet jene Eigenschaften wieder zugute, die gestern noch gegen ihn verwandt wurden. Locker, lässig, freundlich – von Beust, sagt SPD-Chef Walter Zuckerer durchaus anerkennend, "repräsentiert die Stadt so, wie sie repräsentiert werden will". Nur regieren, fügt er hinzu, würde der Erste Bürgermeister nicht.