Dass Tabori ein Großmeister der Groteske ist, zeigt er auch in der kleinsten Form. Das freche Dramolett Ich versteh’ nix Deutsch ist eine kleine literarische Sensation. Ein faksimiliertes Typoskript blättert sich da auf im Flattersatz einer bibliophilen Edition. Mit allen Reizen: die Aura der Tippfehler, Streichungen, Einfügungen in Taboris Handschrift legt sich über die Pica-Zeilen der 15 Seiten. Der schmale Band lädt den Leser ein zum Blick über die Schulter des Autors. Offenes Dichten: Erstmals wird hier in der Text-Arbeit vorgeführt, was George Taboris Theater-Arbeit ausmacht – der Prozess ist Teil des Produkts.

Die Story? Ein Übersetzer übersetzt, eine Putzfrau putzt, Polizisten verhaften Übersetzer, Richter richten, und der Hinrichter richtet hin, den Übersetzer. Der fährt zum Himmel. Auf einer Wolke trifft er Shakespeare. Ihm rezitiert er seine Mords-Arbeit, die todbringende Übersetzung, das Sonnett 130. "Sorry, old boy", sagt William Shakespeare. "Ich versteh’ nix Deutsch." Die ganze Welt ist eine Groteske. Auch oben im Himmel wird der Dichter und Denker, der für seine Übersetzung gestorben ist, nicht verstanden. Und gestorben ist er, weil unten auf der Erde die Richter und Henker seinen Text wortwörtlich missverstanden haben.

Der ganze Tabori ist in diese Tablette gepresst. Alle Themen und Topoi im Konzentrat, ein ganzes Text- und Theater-Leben kondensiert, Exposé und Postposé zugleich: Weib, Mann, Busen, Sex; Heimat, Ausland und Exil; Mord und Totschlag, Staat, Gewalt; Juden. Und das Schreiben als Lebensgefahr.

Die leichtfüßige Farce als schwergewichtige Parabel, ganz auf Gag geschrieben. In diesem Kosmos sind alle Brüste weiß, alle Locken schwarz und der Himmel ist "unvermeidlich" blau. Blut fließt in Strömen, die Richter nehmen gleich "ihre Zähne raus", nicht nur das Gebiss, und das Leben überhaupt ist eine einzige "Hin- und Herrichtungshalle". Stil-Lage wie immer, nach dem Motto: "Scherz und Spiel treiben mit dem Entsetzen."

Eine Wiener Melange ist das Genre, aufgeschäumt aus Gedicht und Dialog, gleich mit Regieanweisung. Genauso frei wie Reim und Rhythmus ist die Rechtschreibung, die ihrerseits Schabernack treibt mit dem vordergründigen Hintersinn so mancher Irrtümer der Orthografie: "Nun lehnt er sick zurück", der große Tabori, "sick" (sic!), der selbst ernannte "Küchen-Deutsche" der Dedikation.

Ich versteh’ nix Deutsch ist die Gabe zu Georges 89. Geburtstag, eine Gabe, die zum ersten Mal Taboris Stimme zum Tönen bringt. Eine Premiere mit Brisanz, denn jetzt stellt sich keine Übersetzerin mehr vor das Original. Taboris Text-Geschichte ist seine Lebens-Geschichte. Zum Schreibidiom des ungarischen Muttersprachlers wurde in seinen Exilen das Englische; und das Übersetzungs-Monopol vergab er an die dritte seiner vier Ehefrauen. Nun ein Debüt, mit dem er sein Sprech-Deutsch in die Schriftlichkeit formulierte.

So ergötzlich bei aller Gänsehaut dieses Stückerl von Tabori aufs Lese-Vergnügen hingeschrieben ist, so hölzern kommt die erste Biografie über den Autor daher. Ein nützliches Sachbuch, hilfreich für ein Stück Lebens- in der Welt-Geschichte, kenntnisreich und informativ. Aber warum hat bei diesem Sujet kein Lektor der Verfasserin Anat Feinberg zur Seite gestanden,um die formelhafte und klischierte Starre ihres Auslandsdeutschs zu lösen. Sachfehler und bibliografische Unvollständigkeiten hätten sich vermeiden lassen. Offensichtlich zwingt zudem das Reihen-Diktat von dtv-Portrait zu einem schulbuchhaften Layout, das bunte Text-blöcke superwichtig in den Fließtext hineindrückt. Der Bebilderungszwang mit auch beliebig-lieblosem Material motzt die Buchseiten auf, als müssten sie aus Illustrierter oder direkt vom Bildschirm springen.