An dem leichten Reflex in Daniels Augen konnte Inspektor Fumero ablesen, dass sich hinter seinem Rücken etwas getan hatte. In diesem Augenblick sah Daniel nämlich, über die Schulter des Inspektors hinweg, der noch immer den Revolver auf seinen Kopf gerichtet hielt, diese "Silhouette ohne Gesicht, aber mit glühendem Blick" auf sie beide "zugleiten". Carax war gekommen.

Der Showdown beginnt. Nach allen Regeln der Kunst und des Handwerks. Zafón, in Spanien ein bekannter Autor von Kinder- und Jugendbüchern, versteht es, Spannung zu erzeugen. Auch als Werbetexter hatte er gearbeitet und dann, zehn Jahre lang in Los Angeles, als Drehbuchschreiber. Das alles spürt man. Denn der Roman scheint fast perfekt gearbeitet.

Schüsse lösen sich. Es riecht nach verbranntem Fleisch. Carax gelingt es schließlich, mit einem Dolch Fumeros rechtes Handgelenk an die Wand zu nageln. Auch Kleinigkeiten sind bedacht. Wenn irgendwo eine Erbse runterfällt, steht verlässlich die entsprechende Suppe schon auf dem Herd. Ein enges Geflecht von Motiven und Verweisen zieht sich durch den gesamten Roman.

Zafón vergleicht sein Schreiben mit der Arbeit eines Architekten. Es sei vor allem die Technik, die ihn interessiere. Romane betrachte er als "Wort-Kathedralen". Im Schatten des Windes weht denn auch etwas von dem Weihrauch barocker Kirchen. Immer lauert, wie Luzifer hinter den himmlischen Heerscharen, die Gefahr.

Ein einfaches Bauprinzip liegt dem verschachtelten Handlungsgefüge zugrunde. Daniel, der jugendliche Held, benennt es bei seiner Lektüre des Romans von Julián Carax: "Je weiter ich in der Lektüre kam, desto mehr erinnerte mich die Erzählweise an eine dieser russischen Puppen, die immer weitere und kleinere Abbilder ihrer selbst in sich bergen." Wie diese Puppen nacheinander zum Vorschein kommen, so hier die Geschichten. Die bis ins Detail ausgetüftelte Konstruktion lässt sich widerstandslos lesen. Selbst Rückblenden treiben die Handlung voran. Daniel, Sohn eines Buchhändlers, stößt mit elf Jahren im "Friedhof der Vergessenen Bücher" auf das letzte existierende Exemplar des Romans von Julián Carax, Der Schatten des Windes. In diesem Buch wird die Geschichte erzählt, die er, Daniel, in den folgenden Jahren erleben wird, und zwar bei dem Versuch, etwas über das Leben und Schicksal des Autors herauszufinden, der ihm, oft zu seinem Erschrecken, in so vielen Zügen gleicht.

Daniel entdeckt eines Tages Fermín, eine wunderliche, aber auch großartige Gestalt, eines der vielen Opfer des Inspektors Fumero. Fermín, im Buchladen von Daniels Vater untergekommen, beteiligt sich nun an den Nachforschungen über das Schicksal des verschollenen Schriftstellers Carax. "Das Ganze beginnt", so hat er herausgefunden, "mit der arglosen Freundschaft zwischen zwei Jungen, Julián Carax und Jorge Aldaya, Klassenkameraden von Kindesbeinen an, so wie Don Tomás und Sie. Unzertrennliche Freunde, die das ganze Leben vor sich haben. Aber in irgendeinem Augenblick gibt es einen Streit, der diese Freundschaft auseinanderbrechen lässt. Um die Salondramatiker zu paraphrasieren: Der Streit hat den Namen einer Frau und heißt Penélope. Sehr homerisch." Und so homerisch geht es auch weiter. "Kalter Schweiß" tritt auf Daniels Stirn. Fermín erzählt ihm nämlich, nur mit anderen Namen versehen, seine eigene Geschichte.

Das klinge, heißt es einmal, "wie der Klappentext eines Schundromans". Tatsächlich sind alle Ingredienzien dafür vorhanden. Einer der Handlungsstränge wird als "Schauergeschichte" ausgewiesen. Zafón hat sich bei seinen spanischen Kollegen Eduardo Mendoza und Arturo Pérez-Revertes reichlich bedient. Ersichtlich hat er auch aus dem Reservoir der Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts geschöpft. Nur lässt sich damit kein Einwand mehr begründen. Der Versuch, einen originellen, von der ersten bis zur letzten Seite spannenden, regelrecht süffigen Roman zu schreiben, ist nicht strafbar. Es ist nur sträflich, wie leichtfertig Zafón seine Möglichkeiten verspielt hat.

Die Voraussetzungen für einen wirklich großen Roman waren gegeben. Doch Zafón ist auf dem Weg zur Literatur vorher abgebogen, um auf die Straße des Erfolgs zu kommen. Er hat seinen Stoff nicht entwickelt, sondern mit Klischees aufgefüllt. Die Handlung, die zwischen 1945 und 1966 spielt, reduziert die Verhältnisse in der Franco-Diktatur nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs auf eine Kulisse. Geschichte und Politik werden durch Psychologie ersetzt, Willkür und Terror aufs Schauerhafte reduziert.