Es war vor einigen Monaten in Florenz, da setzte sich der ungarische Pianist András Schiff vor die Tasten und verfasste einen Reiseführer. In Worten. Er selber ist den Weg, dessen heitere, raffinierte, blitzende und pechschwarze Etappen er beschreibt, schon oft gegangen; er kennt die Momente, da man, von Architekturen fasziniert, den Atem anhält. Anderswo tritt man auf gleißende Lichtungen oder in graziös bevölkerte Ballsäle. Beizeiten lädt der literarisch begabte Reiseführer zu einer Verschnaufpause ein. Manchmal muss er auch vor einem "Verkehrsstau" warnen. Im Original ist der Weg nämlich ein riesenhaftes Stück für ein zweimanualiges Cembalo; wenn man ihn auf dem Klavier beschreitet, kommen die Finger einander schon mal in die Quere.

Schiffs origineller Reiseführer ist im Beiheft seiner Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen nachzulesen. Das Werk hat derzeit erhöhte Konjunktur, aber Schiff fällt es leicht, auf diesen Kurswert individuell zu reagieren, denn er hat sich unendlich mehr Gedanken gemacht, als in Worte zu fassen sind. Sein Klavierspiel ist ruhig, übersichtlich, in den Tempi unspektakulär. Nie gibt er den Neunmalklugen, den Experimentator, jede Variation ist bei ihm ein atmendes Gebilde. Aber seine Details grenzen an Wahnsinn.

So findet er melodische Trüffel in einer arglosen Begleitstimme (Variation7). Gleich danach (Variation 8) pocht Schiff eine Note am Taktanfang dermaßen nachdrücklich, dass sie sich wie ein Häkchen ins Ohr setzt. In Variation26 hält er das Tempo klug zurück, wodurch der wiegende Sarabanden-Charakter des Satzes herauskommt. Variation 21 (eine expressive Schmerzensmusik) und Variation 22 (ein archaisches polyphones Geflecht) bindet Schiff schier ineinander, sodass wir dem Reiseführer glauben, der hier von "Krieg und Frieden" auf engem Raum spricht. Und die repetierten Achtelnoten in der kauzigen Variation 20 klopft Schiff so launig penetrant in die Klaviatur, dass sich Unerwartetes ergibt: Komik.

Weil der Ungar jede vorgeschriebene Wiederholung spielt (der Reiseführer stichelt hierzu im Beiheft gegen Glenn Gould, ohne ihn namentlich zu nennen), gewinnt er Raum für eine Methodik der Abweichung. Es ergeben sich neue Tönungen wie Echos, die sich verselbständigen, oder dialektische Manöver in Phrasierung und Artikulation, wie wenn eleganter Schwung plötzlich auf die Spitze von Ballerinnen-Getrippel gerät. In jener Variation 20 sind die synkopischen Sechzehntel so kurz, als seien die Tasten des Klaviers heiß wie glühende Herdplatten.

Schiff lässt sich überdies – darin Barocker Praxis nahe – Verzierungen einfallen, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. In Variation 1 zaubert er Triller, Praller, Schleifer und Doppelschläge im Dutzend aus dem Zylinder der Musik, als wolle er schon zu Beginn das komplette Programm der Überraschungen bekannt geben. Aber einmal fällt dem Hörer doch die Kinnlade herunter: Wie genialisch Schiff in Varia-tion 17 das Geplauder gebrochener Terzen beschleunigt, indem er in Takt 23 ohne Vorwarnung – nein, diese pianistische Pointe sei um Bachs Willen nicht verraten, sonst ist der Gag weg.

So ist es denn ein pausenlos frohgemutes Entdecken mit dem doppelten Reiseführer Schiff. Wie gut, dass die beiden einander kennen: Während der eine verblüffend fantasievoll spielt (die schier kichernden Sechzehntel in Variation 23), holt der andere zu einer Erklärung aus: Es sei hier, "als lachten die Götter im Olymp". Bach lacht mit.

Johann Sebastian Bach: Goldberg-Variationen; András Schiff (Klavier)