Hörbücher mit vorgelesener Literatur oder deren Adaptionen fürs Hörspiel werden immer populärer. Weniger bekannt ist das weite Feld zwischen Hörbuch und Musik-CD, auf dem exotische Ohrenfrüchte wachsen: Stücke, die bis zu einer Stunde und länger dauern und sich aus literarischen Elementen, Geräuschen, OTönen und Musik zusammensetzen. Das noch namenlose Genre ist dem Hörspiel verwandt und aus ihm hervorgegangen. Versucht sei an dieser Stelle ein erster Überblick.

Am Anfang steht Walter Ruttmanns Weekend, 1930 für die Berliner Funkstunde montiert. Eine rhythmisch geschnittene Collage aus Stimmen, Maschinen, Verkehr, Musiken – so klang damals die größte deutsche Stadt, und kein onkelnder Erzähler drängte sich zwischen sie und den Radiohörer.

Diesen elf Minuten Moderne folgte lange Zeit nichts, dann kam der Krieg, und in den fünfziger Jahren erblühte zunächst das klassische Hörspiel mit reichlich Text, den Musik und Geräusch nur zu illustrieren hatten: Verbildlichung war wichtig zu einer Zeit, da dem Radio im Fernsehen Konkurrenz erwuchs.

Ein Frankfurter Sponti befreit die Radiokunst

In den Sechzigern und Siebzigern gab es Versuche, die starre Form aufzubrechen, von John Cage bis Rolf Dieter Brinkmann, von Ernst Jandl bis Mauricio Kagel und Luc Ferrari, doch die große Veränderung kam erst 1984/86 mit zwei Werken eines Frankfurter Spontis: Heiner Goebbels, der als Saxofonist im Sogenannten Linksradikalen Blasorchester auf Demonstrationen Stücke von Eisler und Zappa gespielt hatte. Er arrangierte für eine Theatermusik die Stimmen von 50 Berliner Passanten, die gebeten worden waren, einen Text des DDR-Dramatikers Heiner Müller laut zu lesen. Die O-Töne wurden durch Schnitt, Dehnung, Wiederholung und Überlagerung verfremdet, rhythmisiert und orchestriert. Seine Premiere erlebte das Theaterstück zwar nicht, aber Goebbels veröffentlichte den Soundtrack ersatzweise als – wie er es nannte – "Hörstück". Der Hessische Rundfunk sendete Verkommenes Ufer, und: "Die Resonanz hat mich umgehauen", erinnert sich Heiner Goebbels. Bald folgte – ebenfalls mit Heiner Müller – Die Befreiung des Prometheus; beide Stücke erhielten Preise.

Wort, Geräusch und Musik haben bei Goebbels gleiches Recht; die Dominanz des Wortes ist verschwunden. Dabei geht es ihm jedoch nicht um die Entwertung des Textes. Kaum ein Musiker hat sich wie er auf den Rhythmus und die Untertöne, den Sinn und die Gewalt der Sprache eingelassen. Als Professor für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen lehrt er Studenten heute, "einen akustischen Blick" zu entwickeln.

Goebbels hat seine "Hörstücke" von Anfang an vom Hörspiel abgesetzt, indem er sie von der Ausstrahlung unabhängig machte und sie auf Tonträgern verfügbar hielt. Anfang der neunziger Jahre folgten andere seinem Beispiel, zunächst das Duo aus FM Einheit, Musiker bei den Einstürzenden Neubauten, und dem Fernsehjournalisten Andreas Ammer. Wie Goebbels wählten sie politische, historische oder mythische Sujets (Deutsche Krieger, Apocalypse Live, Radio Inferno) und ließen es am nötigen Pathos nicht fehlen: "Opern" nennt Ammer diese aggressiv-brachialen Revuen, die teilweise wie entfesselte, links gewendete Tönende Wochenschauen klingen.

Letzthin arbeitet Ammer, der in Berg am Starnberger See lebt, viel mit dem Weilheimer Elektronikmusiker Martin Gretschmann zusammen, bekannt geworden sowohl mit seinem Solo-Projekt Console als auch mit der Knisterrockband The Notwist. Das jüngste Werk der beiden, On The Tracks, das im Auftrag des WDR entstand, gewann bei der Hörspielwoche in Berlin gerade per Internet-Abstimmung den Online-Award, ein Stück, das eine Verfolgungssituation inszeniert: Verdeckt operierende Reporter suchen sich auf der Straße zufällige Opfer und heften sich an ihre Fersen. Jede Handlung wird beschrieben, gedeutet und klanglich ausgelotet.