Die Flasche zerschellt an der grün-weißen Bordwand aus zwölf Millimeter dickem Stahl. Champagner, Veuve Clicquot, fließt hinunter ins Wasser des norwegischen Sognefjord, 400 Kilometer westlich von Oslo. Maria do Rosario Fischer, Brasilianerin, Unternehmerin, Erbin und Chefin einer deutschen Dynastie, genießt den Moment. Das modernste Tankerschiff seiner Art kann in See stechen. Kein Tanker für Öl, sondern einer für 32000 Tonnen Orangensaft. "REICH AN VITAMINEN", heißt es auf den meisten Packungen. Woher der O-Saft kommt, erfährt man nicht. Zum Beispiel von den Fischers aus Brasilien

Der Name des Schiffes – Premium do Brasil – ist Programm: Von Maria do Rosario Fischers Plantagen und von ihren Schiffen kommt der beste Orangensaft der Welt. Insgesamt zehn Liter trinkt jeder Deutsche im Jahr – "mit 100 Prozent Fruchtsaftgehalt und reich an Vitaminen", wie Etiketten und Werbung versprechen. Doch wo die Orangen gepflückt werden, steht dort nicht.

Warum auch? Die Kunden fragen nicht. Sie glauben Onkel Dittmeyer, wenn der in seinen Werbefilmchen durch andalusische Haine streift und persönlich über jede einzelne spanische Orange wacht. Es stört sie nicht, dass die Verpackungen von Granini und anderen Stammgästen in deutschen Kühlschränken ihre Herkunft verschweigen.

Ob Wesergold, Hohes C, Vaihinger oder Eckes – die meisten deutschen Produzenten kaufen ihre wichtigste Zutat bei fünf Unternehmen im Bundesstaat São Paulo. Eine der reichsten Regionen des armen Südamerika versorgt Europa, Asien, einen großen Teil der Welt mit Orangen. Oder besser, mit dem, was von ihnen übrig bleibt, dem Konzentrat. Von den jährlich produzierten 1,1 Millionen Tonnen kommen drei Viertel aus Brasilien.

Zwei Familien beherrschen dabei allein mehr als die Hälfte der weltweiten Exporte: die Fischers und die Cutrales. Dazu kommen noch eine Tochter des US-Handelshauses Cargill, der brasilianische Unternehmer-Klan Votorantim und der französische Unternehmer Robert Louis-Dreyfus. Diese fünf teilen sich das Geschäft. Florida-Orangen? Die bleiben überwiegend in Nordamerika. Das Sagen auf dem Orangenmarkt im Rest der Welt haben die Brasilianer.

Was sie sagen, sagen sie meist leise, hinter den Kulissen, fernab der Öffentlichkeit. Über ihr Geschäft verlieren die Fischers und die Cutrales kaum ein Wort. Nichts als Orangen verlässt die kilometerlangen Plantagen des brasilianischen Hochplateaus – keine Details über die Arbeitsbedingungen, keine Zahlen über die Unternehmen und auch keine Familiengeschichten. Weder von den Alten, den Gründern, existieren Fotos, noch von den Jungen, die heute die Geschäfte leiten. Selbst wenn die Cutrales wie im August vier Millionen Reais für das Null-Hunger-Programm von Präsident Lula spenden, steht in der Boulevardpresse nichts geschrieben über den Reichtum und das Leben der Saftdynastien. Zu groß ist die Angst vor Entführungen. In Brasilien ist es gefährlich, über Geld zu reden. Wer es hat, versteckt es hinter hohen Mauern und schweigt.

Bei Samba und fangfrischem Lachs wird geküsst und geweint

Dass die ZEIT dabei sein durfte, als Maria do Rosario Fischer in Norwegen ihr neuestes Schiff taufte, war eine seit Jahrzehnten nicht mehr gewährte Ausnahme. Abgeschottet von der Öffentlichkeit, traf sich der Clan in Balestrand an der norwegischen Westküste. Über dem Ort thront der Dovums-Gletscher, der Sognefjord schmiegt sich um den schroffen Fels. Die Gästeliste ist international. Geladen sind brasilianische Manager, deutsche Ingenieure, Schweizer Banker und die norwegischen Arbeiter der Werft, in der das Schiff gebaut wurde. Bei fangfrischem Lachs und einem Mix aus Sambarhythmen und norwegischer Folklore wird geküsst, geherzt und geweint. Vertraut, verschwiegen – die Familie ist unter sich.

Sie hat sich viel zu erzählen, auch von früher: wie der Clan-Gründer im vergangenen Jahrhundert aus Deutschland kam, die ersten Plantagen kaufte, wie sein Unternehmen expandierte und den Weltmarkt eroberte. Wie sich seine Firma neue Techniken zu Eigen machte, mit denen sich sein Saft einfach verschiffen und über den Globus verteilen ließ. Wie die Familie mit Orangen made in Brazil Millionen scheffelte – und niemand davon etwas mitbekam.

Mehr als 70 Jahre reicht die Unternehmensgeschichte der Fischers zurück. 1928 blieb der deutsche Kaufmann Carl Fischer – eigentlich auf dem Weg ins prosperierende Argentinien – im brasilianischen Santos hängen, kaufte seine erste Plantage, die Citricola, und baute einen Fruchthandel auf. Zusammen mit dem Unternehmer Ludwig Eckes übernahm er 1963 eine Orangenverarbeitungsfabrik in der Stadt Matão und gründete das Unternehmen Citrosuco Paulista.

Parallel dazu stieg Fischer ins Reedereigeschäft ein. Bis 1998, als seine Nachkommen die "Alianca Navegacão" für 50 Millionen Euro an die Reederei Hamburg Süd verkauften, zählte die Familie zu den bedeutendsten Reedern Brasiliens. Fruchthandel und Reederei erlaubten es ihr, früh zu expandieren. Und seit je streitet sie mit den Cutrales um die Position der Nummer eins im Markt für Orangensaft. José Cutrale war aus Sizilien gekommen und hatte "Sucocitrico" 1967, also bloß vier Jahre später als Carl Fischer, gegründet. Heute hat seine Familie auf dem Weltmarkt die Nase vorn – aber "nur leicht und nur vorübergehend", heißt es in Balestrand zwischen Lachs und Samba.

Mit Citrosuco und Sucocitrico begann der Boom der brasilianischen Orangensaftindustrie. Den entscheidenden Schub erlebte das Geschäft in den siebziger Jahren, als die Europäer den Saft für sich entdeckten. Zugleich begannen die Familien damals, nur noch das Konzentrat zu exportieren. Dem Saft werden dazu 60 Prozent seiner Flüssigkeit entzogen; das Endprodukt wird eingefroren und bei minus acht Grad von riesigen Tankfarmen an der brasilianischen Atlantikküste auf die Tankschiffe gepumpt. Fünf Sechstel der früher benötigten Transportfläche werden so gespart.

Die Chancen der neuen Technik erkannte Carl Fischer als Erster. Amerikaner hatten das Verfahren entwickelt, der Deutschbrasilianer wandte es an. "Fischer war der Pionier, ein knallharter Geschäftsmann, zäh in Verhandlungen mit Zulieferern und Kunden", sagt ein langjähriger Weggefährte an Bord der Premium do Brasil. "Er war ein Visionär, wie es sie heute nur noch selten gibt." Aus seinem Fruchthandel machte er ein Saftimperium.

Heute verlassen jeden Tag rund 20000 Tonnen Orangen die Plantagen auf der brasilianischen Hochebene. Zehn Millionen Bäume besitzen die Fischers, mit 10000 Mitarbeitern ist Citrosuco zum größten landwirtschaftlichen Betrieb Brasiliens geworden. In den zwei Fabriken in Matão und im benachbarten Limeira produziert das Unternehmen pro Saison 280000 Tonnen Orangensaftkonzentrat. Zwei Drittel davon werden vom firmeneigenen Terminal in Santos über das belgische Gent nach Europa verschifft, 80000 Tonnen gehen allein nach Deutschland.

Über das Imperium wacht inzwischen die 54-jährige Maria do Rosario Fischer, Carl Fischers Schwiegertochter. Zusammen mit ihren vier Töchtern Bianca, Ana Luisa, Alessandra und Renata dirigiert sie seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes Carlos Fischer vor drei Jahren den Aufsichtsrat des Unternehmens. 15 Jahre habe sie zuvor an seiner Seite gearbeitet, von der Pike auf gelernt, was wichtig ist im Orangengeschäft, erzählt die Chefin, die von allen nur "Ro" genannt wird. Freundlich begegnet sie einem, zurückhaltend wirkt die schmale Frau, und doch wird schnell klar, dass sie die Seele von Citrosuco ist. Stolz führt sie die Familie über die Premium do Brasil, die so groß ist wie zwei Fußballfelder. Für die Fischers ist es der zweite Orangen-Großtanker. 2002 lief das baugleiche Schwesterschiff vom Stapel, getauft von Ro auf den Namen Carlos Fischer.

Carlos hatte in den Neunzigern nach Europa und in die USA expandiert. Er hatte die Logistik so verfeinert, dass der Saft für den Weg vom Orangenhain in Brasilien bis ins Glas seiner Kunden in Europa heute kaum mehr als 24 Tage benötigt. Das machte das Geschäft noch ein bisschen besser, als es ohnehin schon war: Für eine Kiste Orangen (à 40,8 Kilogramm) zahlen die Saftproduzenten gegenwärtig rund 3,50 Dollar an die rund 20000 brasilianischen Orangenbauern, deren Ernte sie zusätzlich zu ihrer eigenen verarbeiten. Aus 250 Kisten wird eine Tonne Orangensaft gepresst, aus sechs Tonnen Saft eine Tonne Konzentrat, das auf dem Weltmarkt derzeit 1200 Dollar kostet.

Gepflückt werden die Früchte von Orangennomaden. Die meisten Pflücker sind professionelle Arbeiter – Tagelöhner, die von Plantage zu Plantage ziehen und je nach Jahreszeit Orangen, Zuckerrohr oder andere Produkte ernten, meist für weniger als einen Euro am Tag. Über die niedrigen Löhne möchte Ro Fischer nichts sagen, über Kinderarbeit nur, dass sie mittlerweile bekämpft werde. Für die erbärmlichen Löhne seien, heißt es an Bord der Premium, schließlich die Industrieländer verantwortlich: Die den Entwicklungsländern aufgezwungenen Handelsbarrieren wirkten auf die gesamte Produktionskette, bis hin zum Einkommen der Pflücker.

Für jede Tonne O-Saft, die von den Fischers in die USA ausgeführt werden, sind an der Grenze Abgaben in Höhe von 400 Dollar fällig. Die Europäische Union verlangt 12,2 Prozent vom Wert der Ware. Gegen den freien Wettbewerb sträuben sich vor allem die Zitrus-Verarbeiter aus Florida, die neben den brasilianischen Unternehmen den meisten Orangensaft pressen und mischen. Floridas Produzenten argumentieren, ohne Zollschutz seien sie nicht wettbewerbsfähig, weil Brasiliens Zitrus-Industrie von staatlichen Hilfen, von laxen Umweltbestimmungen und schlechten arbeitsrechtlichen Standards profitierten. "Wenn die USA die Zölle senken, bekommen die Brasilianer den ganzen Markt", sagt Judy Sanchez, Sprecherin von U. S. Sugar Crop, deren Ableger Southern Gardens Citrus zu den großen Orangenproduzenten und Saftverarbeitern in Florida gehören.

Die Zölle müssten runter, lächelt Ro Fischer. Sie weiß, dass die Brasilianer längst aufs US-amerikanische Festland vorgedrungen sind. Vorbei an der politischen Frontlinie haben sie sich auf den Plantagen und in den Fabriken Floridas eingekauft und umgehen so die amerikanischen Einfuhrzölle. Mit ihrem Mann übernahm Ro Fischer den Verarbeiter Alcoma, der Italobrasilianer Cutrale kaufte von Coca-Cola zwei Konzentratfabriken. So sind die Marktführer aus Südamerika heute bereits für 40 Prozent der US-Produktion von Orangensaft verantwortlich.

Gleichzeitig versucht Ro mit ihren Managern in neue Märkte vorzustoßen. Auch weil Amerikaner und Europäer andere Getränke entdecken und immer weniger Orangensaft aus Konzentrat trinken. "Russland ist deshalb der nächste Schritt", sagt Ro Fischer. "Und China. Und Direktsaft."

Der Trend gehe wieder zum frischen Orangensaft, sagt sie. NFC heißt deshalb ihre Zukunftsformel – not from concentrate. "Frisch" bringt auch höhere Margen. Ein Liter aus Konzentrat kann für 20 Cent verkauft werden, frischer Saft dagegen für 50 Cent. "Mit der Premium do Brasil sind wir klar vor der Konkurrenz", sagt Ro, als sie in Balestrand von Bord ihres neuen Schiffes geht. Am nächsten Tag wird sie wieder in die Anonymität der Neun-Millionen-Metropole Rio de Janeiro abtauchen. "Mit beiden Schiffen können wir jetzt bis zu 64000 Tonnen frischen O-Saft transportieren. Das reicht für 300 Millionen Cocktails."

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