Das Ereignis liegt drei Jahre zurück. Noch heute schüttelt Margarete van Ess ungläubig den Kopf, wenn sie daran denkt. "Es passieren Dinge", sagt sie, "da macht der Verstand einfach nicht mehr mit." Die Wissenschaftlerin, hundertprozentig ohne den geringsten Hang zur Mystik, schiebt ein Foto über ihren schweren Schreibtisch. Das Farbbild zeigt Männer und Frauen in Freizeitkleidung. Ihre Haare stehen steil zu Berge, wie bei verschreckten Comicfiguren.

Eine elektrische Aufladung der Luft, gewiss. Kein Psi-Phänomen, sondern erklärbar. Aber seltsam war es doch, als sich damals in der irakischen Wüste der heitere Frühlingstag plötzlich in eine Hölle verwandelte. Van Ess führte gerade eine Delegation über das Grabungsgelände von Uruk, da fegte nach der elektrischen Aufladung als zweiter Vorbote eines Gewitters blitzschnell ein Sturm heran. Er wirbelte eine derart gewaltige Staubwand auf, "dass wir kaum noch Luft bekamen". Im aufkommenden Unwetter mit Blitz und Hagel gelang es ihr gerade noch, die 150-köpfige Teilnehmerschar des Kongresses 5000 Years of Writing in die Busse zu scheuchen. Dann barst der Himmel. Der Wind riss die Empfangszelte aus ihren Verankerungen. Planen, Schnüre, Stangen wirbelten durch die Luft.

Allein die haarsträubende Situation mit den Comicfrisuren hat sie in Uruk, der größten Ruinenstadt im Südirak, dreimal erlebt. Die Wucht der Elemente dort schockt sie aber nicht mehr. Eher ist sie amüsiert. Denn Uruk ist für sie vertrautes Terrain. Dutzende ihrer Publikationen beschäftigen sich mit dem legendären Ort, dessen Anfänge in archaische Zeiten zurückreichen. In der Bibel heißt der Ort Erech, er war die erste Großstadt an Euphrat und Tigris, das Zentrum des mächtigen Sumerer-Reiches. Um 3000 vor Christus wurden hier die Schrift, das Rad, das Bier und die Töpferscheibe erfunden, vier der bedeutendsten zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Es regierte hier König Gilgamesch, der Held des gleichnamigen Epos. Das auf Keilschrifttafeln überlieferte Werk aus der Anfangszeit des Literaturbetriebs diente den Bibelschreibern als Vorlage und wird bis zum heutigen Tag immer wieder neu übersetzt und interpretiert. Natürlich ließ van Ess auch ihre Dissertation hier spielen. Sie hatte das Heiligtum der sumerischen Göttin Inanna, die Zikkurat, zum Thema gemacht. Die verwitterten Reste dieses gewaltigen Stufentempels erheben sich heute noch 30 Meter hoch über die staubige Ebene am Euphrat.

Die Wissenschaftliche Direktorin der Orientabteilung hat ihr Büro in einer schönen alten Gründerzeitvilla an der Podbielskieallee in Berlin, dem zentralen Sitz des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Auf ihrem Schreibtisch türmen sich flächendeckend und in verwegenen Formationen Bücher und Papierstöße. Das gestapelte Wissen erhebt sich wie Siedlungshügel, zwischen denen man sie nur noch ganz selten antrifft. Kongresse, Symposien, Vorträge – und immer häufiger muss sie zu internationalen Konferenzen, auf denen Wissenschaftler diskutieren, wie das Kulturerbe Mesopotamiens zu retten sei.

Zum Glück ist van Essein Mensch von stabiler Gemütslage. So stand sie die Belastung dieses Frühjahrs durch. Der Irak-Krieg rückte näher. Das verfemte Land aber war infolge des ersten Golfkriegs und des Wirtschaftsembargos für den Westen zur Terra incognita geworden. Da das DAI, eine dem Auswärtigen Amt angegliederte Institution, sein Büro in Bagdad stets weiter betrieben hatte, sah sich die langjährige Leiterin dieses Außenpostens unvermittelt ins Rampenlicht gerückt. Plötzlich gehörte sie für die Journalisten zu den gefragtesten Spezialisten. Die Mailbox füllte sich mit Anfragen, ständig klingelte das Telefon, mit geschulterter Kamera schoben sich Fernsehreporter durch die Tür. "Es prasselte auf mich herein", sagt van Ess – und lacht erneut wie die Überlebende eines Sandsturms.

Seit 1996 war es der Spezialistin für Vorderasiatische Archäologie immer wieder gelungen, auf dem Landweg über Jordanien in den Irak einzureisen. "Wir wollten die Kontakte zu den dortigen Kollegen nicht abreißen lassen", sagt sie und beschreibt damit, was neben den archäologischen Ausgrabungen eine der wichtigsten Aufgaben des DAI ist: Verbindungen aufrechtzuerhalten. Van Ess hatte die nach dem ersten Golfkrieg verwaisten, nur notdürftig gesicherten Grabungsstellen aufgesucht und war entsetzt über das Ausmaß der Raubgräberei. Plünderer hatten sich auch nicht davon abschrecken lassen, dass zu Zeiten Saddam Husseins auf Antiquitätendiebstahl die Todesstrafe stand. Nach einem zweiten Krieg, darüber waren sich die Archäologen im Klaren, würde es noch schlimmer kommen. So war es dann auch.

Ende Juni dieses Jahres reiste van Ess mit einer Unesco-Delegation in den Irak. Ihr Fazit: Die Verluste des Nationalmuseums von Bagdad waren geringer, als von der Presse verbreitet. An den Grabungsstellen im Südirak jedoch sah es finster aus. Hundertschaften von Raubgräbern hatten "im Akkordtempo" die Erde nach Rollsiegeln, Tontafeln, Statuen und Terrakotten durchwühlt und so die Basis für die wissenschaftliche Arbeit der Archäologen zerstört. Ausgerechnet "ihr Hügel" aber, das Ruinengelände von Uruk, ist ungeschoren davongekommen. Das Glück heißt Scheich Muhhar Romain. Seit fast 100 Jahren bewacht seine Beduinentruppe als Aufpasser im Sold deutscher Ausgräber zuverlässig diese Stätte, jetzt schon in der vierten und fünften Generation.

Archäologen sind Pendler zwischen den Welten. Mit dem Wechsel zwischen den Kulturkreisen ist Margarete van Ess seit Kindheitstagen vertraut. Vater und Mutter waren Orientalisten, das bedeutete Ortswechsel schon in jungen Jahren, eintauchen in fremde Milieus. Anfang der Sechziger zog die Familie nach Beirut, wo Margarete die Deutsche Schule besuchte. An den Ort ihrer jungen Jahre kehrt Margarete van Ess seit einiger Zeit regelmäßig zurück. Sie leitet im Libanon ein archäologisches Projekt. Die römische Tempelanlage in Baalbek, ein Weltkulturerbe, wird für den Tourismus erschlossen. Die sechs himmelhohen Säulen des Jupitertempels vor den schneebedeckten Bergen des Libanongebirges – von diesem fantastischen Panorama schwärmten Maler und Bildungsbürger schon im 18. Jahrhundert.

Erst im September war Margarete van Ess mit einem 18-köpfigen Team wieder in Baalbek. Es galt aufzuräumen, die Funde penibel zu dokumentieren – denn erst dann gibt die Weltbank die avisierten Gelder frei. Mit von der Partie war auch ihr Mann. Ernst Herdieckerhoff, ein erfolgreicher Geschäftsmann, hat sich zeitig pensionieren lassen. Nun begleitet er seine Frau bei den Grabungen – und macht sich nützlich. Als Koch der Mannschaft brillierte er in Baalbek dermaßen, dass sich alle schon beim Frühstück auf das Abendessen freuten. "Er kümmert sich um alles", sagt van Ess, und ihr Tonfall lässt keinen Zweifel daran, dass – in Umkehrung üblicher Verhältnisse – auch eine in den Beruf eingespannte Frau für partnerschaftliche Unterstützung dankbar ist.

"Mein Beruf ist kein Job, er ist eine Passion." Zurückhaltende Worte für die Leidenschaft, die ihr auch die Türkei, Syrien und Jordanien vertraut gemacht hat. Um ihre Liebe zu jenem Ort zu offenbaren, der ihr näher ist als jeder andere auf der Welt, braucht sie bloß einen Satz: "Uruk ist meine emotionale Heimat." Die Stadtmauer soll König Gilgamesch gebaut haben. Heute stehen davon noch etwa zehn Kilometer, "sichtbar nur für geübte Augen". Sandstürme und Regen haben die aus Lehmziegeln errichteten Bauwerke vielerorts bis zur Unkenntlichkeit deformiert.

Bereits Anfang der Achtziger nahm van Ess als Studentin im zweiten Semester in Uruk an Expeditionen teil. "Systematisch sind wir das Gelände abgelaufen und haben alles aufgesammelt – Scherben, Münzen, Terrakotten." Bücken, bücken, bücken. "Mir hat das nichts ausgemacht", sagt sie. Zum Klagen bringt sie einzig die Erinnerung an die Versorgung in jener Zeit, als der Gefährte noch nicht als Koch mit in der Wüste war. Es tobte der Irak-Iran-Krieg: "Jeden Tag Cornedbeef und bulgarisches Dosengemüse."

Im Frühjahr 2001 erlaubte Saddam Hussein nach mehr als zehn Jahren Zwangspause auch wieder die Arbeit auf den Grabungsplätzen. Diesmal rückte van Ess mit zwei Landvermessern in Uruk an. Mit 20 Kilo schweren Magnetometern schritten diese das Wüstengelände ab und vollbrachten mit den hoch spezialisierten Geräten wahre Wunder. Sie machten sichtbar, was tief im Boden verborgen liegt – Mauern, Gruben, Kanäle, Straßenverläufe. "Wir haben bis zu 28 Siedlungsschichten entdeckt", sagt van Ess mit dem Anflug eines Strahlens im Gesicht. In Uruk führt die Zeitreise bis ins 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Niemand weiß, welche Überraschungen in der Erde warten.

Noch immer wird das alte Grabungshaus aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts genutzt, als deutsche Archäologen hier die Arbeit aufnahmen. Mehr Komfort als in jenen Pioniertagen gibt es auch heute nicht. In den Zimmern müssen Petroleumlampen genügen, der Generator wird nur angeworfen, wenn die Arbeit es erfordert. "Manchmal donnert er bis Mitternacht", seufzt die Archäologin.

Wo hält sich Margarete van Ess am liebsten auf? Daheim in Berlin oder in der anderen, der orientalischen Welt? Die Antwort kommt prompt. "Hier und dort", sagt sie. "Ich bin immer da, wo ich bin." Ihre Arbeit fordere nun mal den häufigen Ortswechsel, was ihr nie Probleme bereitet. Sie verständigt sich in Arabisch, Türkisch und Russisch. Hinzu kommen Latein, Altgriechisch, Akkadisch und Sumerisch. "Das war normal in unserer Familie", sagt sie.

Zurzeit aber vermisst van Ess oft ihre wissenschaftliche Arbeit. Da sind all die Begehren des Auswärtigen Amts. Eine irakische Delegation musste während der Frankfurter Buchmesse betreut werden. Oder das Goethe-Institut bittet um Unterstützung, damit die geplünderte Deutschlandabteilung der Universität von Bagdad wieder aufgebaut werden kann.

Eine Frau ist aufgebrochen, um im Irak eine der ältesten Kulturen der Welt zu erforschen. Nun fordern die gegenwärtigen Probleme dieses Landes sie täglich. Überraschend findet Margarete van Ess das nicht: "Die heutigen Verhältnisse sind verkettet mit der Vergangenheit." Archäologie sieht sie als eine Wissenschaft, die helfen kann, "die gern betriebene Nabelschau moderner Gesellschaften zu korrigieren und so die Offenheit für das Andere zu fördern". Welche Pläne hat sie für die Zukunft? Ihre Antwort ist ein Wunsch: "So bald wie möglich zurück nach Uruk."

Margarete van Ess ist Wissenschaftliche Direktorin der Orientabteilung im Deutschen Archäologischen Institut in Berlin. Die 43-Jährige arbeitet im Libanon an der touristischen Erschließung der römischen Ruinen von Baalbek. Seit Jahren forscht sie in Uruk, Schauplatz des Gilgamesch-Epos. Doch der Irak-Krieg hält sie derzeit fern von ihrer "emotionalen Heimat"