Meist lesen sich die Lebens-, die Überlebensgeschichten europäischer Juden im 20. Jahrhundert wie tragische Irrfahrten; ausgebürgert und vertrieben, auf gefährlich maroden Schiffen über Weltmeere flüchtend, immer wieder ausgeliefert der eigenen Ohnmacht und fremder Willkür, hineingeworfen als Heimatlose in so ganz andere Kulturen, ob nun in Shanghai, Sydney, Bombay oder auch in Kalifornien. In diesem Buch liest sich das alles ganz anders. Da schildert einer, der später ein höchst erfolgreicher amerikanischer Erfinder und Manager wurde, sein Entkommen wie ein aufregendes Abenteuer voller kleiner Heldentaten.

Richard W. Sonnenfeldt, geboren 1923 in Berlin, und sein jüngerer Bruder Helmut, der später ein angesehener Diplomat in Amerika wurde, kamen im August 1938 nach England in ein Internat. Nicht Abschiedsschmerz schildert der Autor, sondern Aufbruchstimmung, Neugier. Es gefällt ihm, wo er ist. Er lernt Englisch, ist hoch begabt und lebenshungrig. Den Eltern gelingt die Ausreise nach Schweden, später nach Amerika. Er ist erleichtert, dass sie in Sicherheit, und glücklich, dass sie weit weg sind. Alles geht seinen frohen Weg. Doch dann greift die englische Bürokratie nach ihm. Richard wird interniert. Als sei er ein Feind, ein Nazi, und nicht darauf erpicht, gegen Deutschland zu kämpfen. Er kommt in ein Lager, dann auf eines dieser maroden, überfüllten, stinkenden Schiffe, das über die Meere irrt, landet in einem australischen Internierungslager und wenig später im dunklen Bauch des nächsten bedenklichen Kahns. Doch Richard Sonnenfeldt hat keinen Sinn für Lamento oder gar für Selbstmitleid, er hat Sinn für zupackendes Handeln.

Als er endlich und unvermutet in Bombay landet, atmet er auf und verdingt sich als Elektriker, davon versteht er ein bisschen und hat offenbar auch Talent. Er ist siebzehn Jahre alt, frei, in einer fremden Stadt, verdient sein eigenes Geld. Welch herrliches Leben. Das war 1940. Ein Jahr später ist er in Amerika. Sieht den kargen Alltag der Einwanderer, der ihm missfällt. Nach wenigen Tagen hat er einen Job, nach wenigen Wochen ein Zimmer und ein Auto, nach wenigen Monaten und mehreren Prüfungen ist er der jüngste Elektrikermeister im Staate Maryland. Das liest sich alles wie eine kleine Fabel. Und ist doch gewiss wahr. Selbst der Krieg, in den er als amerikanischer Soldat nach Deutschland geschickt wird – 1945 erst, als er fast schon vorbei ist –, ist kaum mehr als eine Panzerfahrt mit einigen Risiken. Er weiß jetzt, wie ein Schlachtfeld riecht, wie man einen deutschen Scharfschützen vom Kirchturm schießt und sich mit einem hübschen holländischen Mädchen in Heidelberg eine schöne Zeit macht.

Hier schreibt ein Mann, der kein Meister der Worte ist. Er ist Elektroingenieur. Und so lernt man, das Buch zu lesen, ohne neue Perspektiven, Erkenntnisse oder gar sozialpsychologische Aufschlüssse über das Land zu erwarten, aus dem er kam und in das er nun zurückkehrt. In privilegierter Position. Denn Richard W. Sonnenfeldt, 22 Jahre alt, wird Chefdolmetscher der amerikanischen Anklage bei den Nürnberger Prozessen. Übersetzt unter anderem die Verhöre von Göring, Höß und Hess, der Generäle Halder, Keitel und Jodl. Vor allem Göring lernt er gut kennen. Und wir lernen nichts über Göring, das wir nicht vorher schon wussten.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Buches. Da schreibt einer, der sich die grübelfreie Mentalität des jungen Mannes bewahrt hat, weil er auch in den 58 Jahren danach kein Nach-Denker wurde, sondern ein Erfinder – zum Beispiel des Farbfernsehens und der Videokassette, der im Alter dreimal den Atlantik im Segelboot überquerte, weil das Leben ihm wohl nicht mehr Wagnis genug war.

Sonnenfeldt war zwar vor Nürnberg schon in Dachau gewesen, und er wusste, dass es eine effiziente, nationalsozialistische Mordmaschine gegeben hatte, doch Hass gegenüber den Angeklagten empfindet er nicht. "Ich hatte zu diesen Leuten keine persönliche Beziehung." Er war entkommen. Das genügte für eine ausgeglichene Gemütslage. Da preise noch einer die Fantasie.

Es sind die kleinen Beobachtungen (dass der Kommandant des Nürnberger Gefängnisses mit juwelenbesetzter Pistole herumläuft), die Anekdoten (dass er sich von General Halder die Strategie des Blitzkriegs mit Hunderten von Spielzeugsoldaten und Spielzeugpanzern nachbauen lässt), die den Leser hin und wieder für seine Ausdauer belohnen. Und es ist die emotionslose Hemdsärmeligkeit, mit der Sonnenfeldt redet über den Nürnberger Prozess, seinen beruflichen Aufstieg in Amerika oder seine Familie, die fasziniert. Als seine erste Frau stirbt, schreibt er: "Ich war fast dreißig Jahre verheiratet gewesen, und ich hatte nicht vor, jetzt allein zu bleiben." Ein lebenspraktischer Mann. Der nicht hadert mit seinem Schicksal, sich nicht als Emigrant begreift, sondern als Amerikaner, dem jede Krise auch Chance ist, die genutzt werden will. Das hat er getan. Ein glücklicher Mann.