Kunstwerke thematisieren sie, Passionsspiele verdanken ihr ihr Entstehen, ja selbst ein tiefgreifender Stilwandel in der Malerei ganzer Landschaften wurde durch sie ausgelöst: Kaum eine Krankheit hat solch nachhaltige Spuren im Bewusstsein der Menschheit hinterlassen wie die Pest. Sie hat Massenängste hervorgerufen, das Sozialverhalten beeinflusst und auf das ästhetische Selbstverständnis ganzer Epochen eingewirkt. Der Schwarze Tod gilt als die Seuche schlechthin, als Sinnbild für Tod, Verderben, Chaos. Allein von der um die Mitte des 14. Jahrhunderts über Europa hinwegschwappenden Welle soll, so die allgemeine Überzeugung der Forschung bis heute, mehr als ein Drittel der Bevölkerung hinweggerafft worden sein.

Doch das alles ist, wie der Medizinhistoriker Manfred Vasold in seinem jüngsten Buch akribisch nachzuweisen sucht, nichts als ein Mythos. Schon die höchst umständliche Übertragungsweise, die der Ratten und der Flöhe bedarf, um die Krankheit überhaupt erst zum Menschen gelangen zu lassen, spricht gegen die rasche Verbreitung und die hohe Ansteckungsgefahr jedenfalls der verbreitetsten ihrer Erscheinungsformen: der Beulen- oder Bubonenpest. Die Pest ist zunächst eine Krankheit der Ratten, deren mit dem Pestbakterium verseuchte Flöhe nach dem Tod des Wirtstieres einen anderen Warmblüter – zum Beispiel einen Menschen – aufsuchen, sein Blut einsaugen und dabei den Erreger aus ihrem Vormagen in den Kreislauf des neuen Wirts gelangen lassen. Lediglich bei der zweiten Form, der im Unterschied zur Beulenpest stets tödlich endenden Lungenpest, überträgt ein Kranker das Bakterium, das zum Zusammenbruch des Kreislaufs und zum Herzstillstand führende Endotoxine absondert, durch seine Atemluft.

Vasold legt zunächst die medizinischen Aspekte der Krankheit dar, schildert ausführlich das zu ihrer endlichen Enträtselung führende Herantasten der Wissenschaft während der Epidemien des 19. Jahrhunderts im Orient und im übrigen Asien und geht auch auf sporadisch auftauchende Fälle im 20. Jahrhundert, vor allem in Nordamerika und Vietnam, ein. Erst dann blickt er zurück auf ihre antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte – und auf die höchst prekäre Quellenlage, mit der der Historiker dabei konfrontiert ist. Die früheste Epidemie, die sich in der zeitgenössischen Chronistik – bei Prokop von Caesarea, Euagrios Scholastikos und Johannes von Ephesos – niederschlägt, ist die während der Regierungszeit des byzantischen Kaisers Justinian I. grassierende Seuche. Im Zentrum des Buches steht jedoch die europäische Epidemie von 1348/49. Beispielhaft führt der Autor vor, mit welch gebotener Vorsicht die schriftlichen Quellen auszuwerten sind und dass es zuweilen angezeigt ist, auch Nichtüberliefertes zu interpretieren: Kann man vom Auftreten von Wüstungen ohne weiteres auf starken, durch die Pest verursachten Bevölkerungsverlust schließen? Legt das Schweigen der Quellen über Rattensterben den Schluss auf eine andere epidemische Infektionskrankheit, etwa den Milzbrand, nahe, der die Pestwelle überlagerte? Sind Berichte über Massensterben, von einem zum anderen Chronisten tradiert, schon zeitgenössische Mythisierung der Seuche?

Noch immer ist die Geschichte des Schwarzen Tods nicht ohne Rätsel, ist nicht jede Frage beantwortet. Doch Vasold führt auf beeindruckende Weise vor, dass kluge Fragen näher ans Ziel führen als vorschnelle Antworten. Und dass es zudem an der Zeit wäre, Geschichte nicht nur als "historische Sozialwissenschaft", sondern auch als "historische Naturwissenschaft" zu begreifen. Denn Medizingeschichte, sinnvoll betrieben, ist letztlich, wie dieses Buch überzeugend demonstriert, nichts weniger als umfassende Bevölkerungs- und damit Sozialgeschichte.

π Manfred Vasold: Die Pest

Ende eines Mythos; Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2003; 169 S., Abb., bis 31.1.2004: 24,90 ¤, danach 29,90 ¤