Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, sagt der Volksmund. In der anspruchsvolleren Sprache der Psychotherapie lautet diese philosophische Weisheit: Du musst loslassen können. Akzeptieren, dass das geliebte Objekt für immer verloren ist. Dann kann die Trauerarbeit beginnen, und bald kommt auch der Lebensmut wieder.

Die deutsche Intelligenzia hat sich in Harald Schmidt und seine Show verliebt. Verliebtheit aber wird dann zur Krankheit, wenn man das Gegenüber, auf das man seine Begierden gelenkt hat, nicht mehr von den eigenen Wünschen und Ansprüchen unterscheiden kann, die man auf sie projiziert. Wenn das geliebte Objekt dann nämlich irgendwann nicht mehr zur Verfügung steht, kommt die eigene innere Leere mit unerträglichem Schmerz zu Bewusstsein.

So betrachtet, sind das deutsche Feuilleton und die ihm angeschlossenen Zentren und Zirkel des deutschen Geisteslebens schwer krank. Über die Jahre hinweg haben sie sich „den Harald“ zum Identitätssurrogat aufgebaut. Einmal ohne schlechtes Gewissen Unterhaltungsfernsehen gucken dürfen! Harald Schmidt gut zu finden, auch wenn er Zoten riss, war intellektuell salonfähig. Irgendwann hat irgendeiner mal damit angefangen (im Zweifelsfalle war´s mal wieder die FAZ), ihn zu einem vieldeutigen, doppelbödigen, experimentalavantgardistischen Helden der Postmoderne aufzubauen. Und dann haben alle, alle mitgemacht und sich in Lobpreisungen des neuen Idol gegenseitig übertroffen. Jetzt aber, da es die Show nicht mehr geben soll, ist das Heulen und Zähneklappern groß. Angeblich wird es nach Schmidt nur noch Mist und Müll im Fernsehen geben. Eine Katastrophe für das intellektuelle Leben der Bundesrepublik! Der endgültige Untergang der Kultur des Abendlandes!

Höchste Zeit also, mit ein paar therapeutischen Maßnahmen zu beginnen. Erstmal den Patienten mit der Realität konfrontieren: Harald Schmidt ist bloß ein Entertainer. Ein besonders guter zwar, aber auch die beste Show hat irgendwann mal ihre Halbwertzeit überschritten. Nachdem Schmidt im Sommer mit seiner groß angekündigten Show-Dampferfahrt auf dem Rhein einen Riesen-Flop erlebt hatte, ist die Quote drastisch gesunken. Um einer peinlichen Debatte über ein Auslaufen seiner Show zu entkommen, hat Schmidt die Reißleine gezogen und selbst publikumswirksam einen heroischen Abgang inszeniert. Der angeblich so tumbe Schweizer Neu-Geschäftsführer von Sat.1 war dafür der dankbare Sündenbock und Strohkopf. So stimmt die alte deutsche Gleichung wieder: Geist gegen Geld. Harald Schmidt hat sich selbst für die Rolle des ersteren besetzt, und dafür lieben ihn alle Geistesfans jetzt zum Abschluss nochmal doppelt und dreifach.

Und nun noch ein wenig tiefenpsychologische Erinnerungsarbeit. Harald Schmidt war beim deutschen Kulturmenschen nicht immer so beliebt und vergöttert wie heute. Anfangs, als er noch „Dirty Harry“ hieß, also in den ersten Jahren seiner Late Night Show, so zwischen 1995 und 1997, galt er demselben sogar als Inbegriff des – na, was wohl? – definitiven Niedergangs deutscher Fernsehkultur im besonderen und jeglichen kulturellen Anspruchs im allgemeinen. Ein menschenverachtender Schmuddelkomiker, so damals die vorherrschende Ansicht in gebildeten Kreisen, der sich ans Privatfernsehen (oh pfui und dreimal pfui!) verkauft hatte, um auf Kosten von Minderheiten mit sexistischen und ausländerfeindlichen Witzen die dumpfen Volksinstinke zu bedienen. Angeschaut hat sich die Sendung damals von denen, die was auf ihre moralische Reputation als Intellektuelle hielten, natürlich keiner. Sonst hätten sie vielleicht schon damals gemerkt, dass sich Schmidt in Wirklichkeit gar nicht über die armen Schwachen in der Gesellschaft lustig gemacht hat, sondern über jene gute Gesellschaft, die ihr Gutsein immerfort durch pietätsvolles Gesülze über arme Schwache zur Schau stellt, welche ihr angeblich so sehr am Herzen liegen.

Die Pointe bei der Sache: Damals, als Harald Schmidt noch kalkuliert und mit boshafter Freude gegen die moralische Etikette der Republik verstieß, war er richtig gut, weil ätzend provokant, ohne Rücksicht aufs eigene Ansehen. Auch später, als zum Kulturkonservativen geläuterter Edelspaßmacher mit unterschwelliger Melancholie, da soll mich bloß keiner missverstehen, war er noch witzig und manchmal richtig gut. Aber gekostet hat es da keinen mehr was, sich zu ihm zu bekennen.

Nun, zum Ende der kurzen Therapiestunde rufen wir den verzweifelten Verlassenen der deutschen Kulturkritik zu: Lernt loslassen; Harald Schmidt hat euch ein Nase gedreht, er hat euren Kult um ihn eine Weile genossen und in Geld und Ruhm umgesetzt, und jetzt wird er bald wieder was anderes machen. Und ihr heute ach so barmenden Kulturkritiker werdet dann reichlich Gelegenheit haben, eure Enttäuschung über ihn kundzutun, ihm nachzuweisen, dass das, was er nun macht, bloß Schrott ist im Vergleich zu seiner legendären Show, wie ja überhaupt früher immer alles besser war in den Augen der Kulturkritik. Ihr werdet also bald wieder in eurem Element sein, gesundet vom Liebesschmerz und im gewohnten wohligen Gefühl, das Beste schon hinter euch zu haben. Und siehe da, wie immer wird das Abendland nicht untergegangen sein.