Kaum je dürfte ein Wirtshaus mit größerer Berechtigung seinen Namen geführt haben als der Gasthof Zum Geist, der am Thomasstaden in Straßburg stand. Denn just dort, gleich unterhalb der Treppe, trafen an einem Oktobertag des Jahres 1770 zwei Männer zusammen, die einander nicht kannten, aber sofort in ein lebhaftes Gespräch gerieten – zwei Männer, die wahrlich Literaturepoche machen sollten.

Dem Jüngeren, Anfang zwanzig, wird man den gebürtigen Frankfurter Patrizierspross angesehen haben, den er durch eine gewisse Eleganz und Nonchalance hervorhob, mit der wiederum ein gravitätisches Auftreten ziemlich unbekümmert kontrastierte. Der Ältere, der aber auch erst die Mitte der Zwanzig überschritten hatte, war durch sein schwarzes Gewand als ein Geistlicher zu erkennen, ohne dass darunter sein "galantes und gefälliges Wesen" gelitten hätte. "Er hatte etwas Weiches in seinem Betragen, das sehr schicklich und anständig war, ohne daß es eigentlich adrett gewesen wäre. Ein rundes Gesicht, eine bedeutende Stirn, eine etwas stumpfe Nase, einen etwas aufgeworfenen, aber höchst individuell angenehmen, liebenswürdigen Mund. Unter schwarzen Augenbrauen ein Paar kohlschwarze Augen, die ihre Wirkung nicht verfehlten, obgleich das eine rot und entzündet zu sein pflegte."

So schilderte Goethe aus der Rückschau von Jahrzehnten in der Autobiografie Dichtung und Wahrheit seine erste Begegnung mit Johann Gottfried Herder, der ihm da im Straßburger Gasthof Zum Geist so unverhofft über den Weg gelaufen war. Den Literaten Herder kannte er längst, schon im heimischen Frankfurt hatte er seine Kritischen Wälder gelesen, eine Sammlung schweifender Aufsätze. Aber jetzt geriet der junge Mann ganz in den Bann einer Persönlichkeit, deren Strahlkraft er sich nicht mehr entziehen konnte.

Herder war seiner Augen wegen nach Straßburg gereist. Er laborierte seit frühen Kindheitstagen an einer Tränenfistel, die er hier auf operativem Wege loszuwerden suchte. Es begann eine monatelange barbarische Prozedur ohne Narkose, während der zwei miteinander konkurrierende Ärzte Fäden und Schwämme in die Wunde drückten, "wie der Teufel glühende Bouteillenpfropfen in das Gewissen". So nannte es der gefolterte Herder wörtlich, ohne dass ihm das Martyrium etwas nutzte, denn er fühlte sich nachher schlechter als zuvor. Das Leiden, das ihn schließlich ein Leben lang quälen sollte, hat seinen ohnehin bestehenden Hang zu Verdrießlichkeit und Selbstmitleid noch verstärkt und den Umgang mit ihm auch für Freunde nicht immer leicht gemacht.

Proben von Herders Misslaune bekam sofort der Jurastudent Goethe zu spüren. Die gefällige Miniaturenwelt seiner graziösen Lieder sei eitel Schnickschnack, das pseudogelehrte Schürfen in Wappenbriefen und Stammbäumen habe nichts mit dem Studium der Geschichte zu tun, das preziöse Parlieren in den Salons sei höchstens dazu angetan, Charakter und Sprache zu verderben. In der unverfälschten Muttersprache aber rege sich der ewig schaffende Volksgeist, wie auch das Vaterland etwas ganz anderes sei als der bunte Flickenteppich des Heiligen Römischen Reiches.

Herder, die Zuchtrute gehörig schwingend, hatte es sichtlich darauf abgesehen, seinem still zuhörenden Zögling die Rokoko-Tändeleien auszutreiben. Dunkel, wie die Krankenstube des augenleidenden Patienten, seien auch die Urgründe, wo die Völker zu dichten beginnen und sich im Medium der Poesie ihrer Muttersprache versichern. Die Lieder der gering geachteten und geknebelten Völker gehörten dazu, der Balten, Grönländer und Wenden, jedoch auch die Bücher der Bibel, die Epen des Homer, die Nebel-Fantasmagorien des Ossian und, allen anderen voran, das Welttheater Shakespeares. Es seien allesamt Regungen eines gewaltigen Organismus, der das Wirken Gottes in der Geschichte mächtig bezeuge. Überhaupt komme es nicht auf das Fertige und Gewordene, sondern auf das Werden an, denn alles Lebendige sei in Bewegung, sich in immer neuen Entfaltungen fortwährend umgestaltend.

Jenas Romantiker werden seine Schüler, doch er lehnt ihr Treiben ab

Was Herder hier mit kühnem Fresko-Pinsel erstehen ließ, war nicht mehr und nicht weniger als das Programm einer neuen Ära der deutschen Literatur, des Sturm und Drang, wie es wenig später in der Aufsatzsammlung Von deutscher Art und Kunst auf die empfindsame Jugend einwirken sollte. Herder tat es ganz und gar nicht als bedächtig wägender Weltweiser und schon gar nicht als Systematiker, der er auch später nie gewesen ist. Eigentlich war er ein Rhapsode, der aber über einen enormen Bildungsfundus gebot, ein Präzeptor und Prediger großen Stils. Sein neuester Biograf Michael Zaremba nennt ihn in seinem vorzüglichen Buch Johann Gottfried Herder – Prediger der Humanität (Böhlau Verlag; 270 S., 24,90 ¤) zutreffend einen "poetischen Enzyklopädisten".