Uns blassen Europäern bleibt es ohnehin ein Mysterium. Man stelle sich vor, Herbert Grönemeyer würde dem Lied abschwören, eine Kirche gründen und predigen, Udo Lindenberg eine Weihnachts-CD aufnehmen, Nena Kirchenlieder singen. Fan-Gemeinden würden Gottesdienste besuchen, der Predigt lauschen, um wenigstens den Klang der göttlichen Stimmen zu vernehmen. So geschehen 1976 in den USA, Memphis, Tennessee, als sich der Sünder und SoulSänger Al Green eine Kirche kaufte und später als Reverend das Wort verkündete. Zehn Jahre musste die Welt darauf warten, bis Reverend Green nun überraschend zurückkehrte und wieder von love und baby singt – I Can’t Stop – Halleluja .

Meister des Aufschubs

Doch es ist keine Umkehr, aus Paulus wird kein Saulus, das Sinnliche genoss Al Green auch als Reverend des Full Gospel Tabernacle, seiner achteckigen Kirche, nahe dem Elvis Presley Boulevard in Memphis. Es könnte ein Lehrstück in Versuchung und Stärke sein, so offensichtlich standen sich der Sünder Al und der Engel Green gegenüber, kämpften und rangen sie miteinander wie die Finger Robert Mitchums auf denen " Love" und " Hate" tätowiert sind. Zu allem Überfluss liegt das Haus der Sünde gleich um die Ecke, ein Tonstudio, in dem Al Green seine Hits der siebziger Jahre produzierte. Hier sitzt jener Willie Mitchell, der Al Green entdeckte, dem das Goldkehlchen entflog und der sich seitdem mit Gospel-Alben Al Greens zufrieden geben musste. Oder, wie die Zeitschrift Rolling Stone schrieb: "Er wartet wie ein Geiger auf seine Stradivari, die man ihm irgendwann genommen hat."

Sie hatten sich kennen gelernt, als der Sänger Al Greene, dem 1969 noch ein "e" anhing, Geld brauchte, um nach einer Tour mit seinen Soul Mates wieder nach Hause zu kommen, zu seinen Eltern nach Michigan. Mitchell gab ihm 1500 Dollar als Anzahlung auf seine Stimme, und ein halbes Jahr später stand Al Green in Memphis. Die nächsten Jahre lasen sich als einzige Tour de Force mit 15 Songs in den Pop- und R-&-B-Hitparaden, mit I Can’t Get Next To You, dem sehnsüchtigen Tired Of Being Alone, der Beischlafhymne Let’s Stay Together oder I’m Still In Love With You, Liedern, die Al Greens samtig hohe Stimme mit dem soliden Bläsersatz einer geerdeten Hausband und der geschmackvollen Produktionstechnik Willie Mitchells verbanden. Das Label Hi Records wurde zum Synonym für Soul, neben Stax und Motown.

I Can’t Stop(EMI 93557) ist ein Märchen, rechtzeitig zu Weihnachten zu Ende geschrieben. Wenn nun der schwer zuckerkranke Willie Mitchell, der jahrzehntelang auf die Stimme seines Herrn gehofft hatte, diesen Engel wieder hört und produziert, wenn der legendäre Bläsersatz Memphis Horns als Royal Horns aufersteht, die Background-Sängerinnen und -Sänger zurückkehren, ja selbst das alte Mikrofon, das gut verwahrt war, Al Greens Stimme in sich aufnimmt – Isn’t Life wonderful? Die Wiederkehr der alten Soul-Schule hat jedoch nichts von dem Déjà vu einer Legende, sie steht wie ein Klang gewordenes Monument mitten in der Musiklandschaft, unbeeindruckt, was sich links und rechts bewegt.

"I feel so free…", und der Ton zieht in die Kopfstimme, als finde er keinen anderen Ausweg, "youuuuu … the reason why…", es ist das Falsett gewordene Begehren. Al Green platzt förmlich vor Energie, die sich aber nicht im Schrei oder Röcheln entlädt, sondern durch die schmale Luftröhre wie unter gepresstem Hochdruck entweicht, zurückgehalten und wohldosiert. Er ist ein Meister des Aufschiebens, des verzögerten Höhepunkts. Er weiß, wie diese Musik wirkt. "Ich wusste, warum ich diese Songs damals schrieb," sagt Reverend Green, "ich war ein Hurer und ein Ehebrecher." In seiner 2000 erschienenen Autobiografie Take Me To The River – nach seinem schönen Lied benannt – beschreibt er Lust und Last seines Lebens mit Kokain, mit Prostituierten und den seltsamen Vorlieben ihrer Kunden, seine legendären eng anliegenden Bodys, die er – bis zum Bauchnabel frei – trug, und seine Abkehr von einem Leben, das Soul-Brüdern wie Marvin Gaye, Sam Cooke oder Otis Redding den Tod brachte.

1973, die Erscheinung. 1974, die Verbrennung. 1979, der Sturz. Die Hinwendung zu Gott geschah nicht plötzlich. Als Al Green während einer Tour nachts in einem Holiday Inn in Kalifornien wiedergeboren wurde, war er noch nicht bereit: Fasten, beten, "no phone, no TV, no Coca-Cola". Es bedurfte jenes zweiten Vorfalls, als ihm eine eifersüchtige Freundin den kochend heißen Grießbrei über den Rücken schüttete und sich dann später selbst erschoss. Es dauerte bis zu seinem Sturz von der Bühne, bis er dem sündigen Leben abschwor und sich seiner Kirche in Memphis widmete. Gott sagte zu ihm, er besitze mehr Anzüge, als er je tragen könne – gern spricht Al Green von sich in der dritten Person, wenn es um die eigene Heilsgeschichte geht – und mehr zu essen, als er je verzehren könne, mehr Autos, als er je fahren könne… Gott habe seinen Teil der Abmachung gehalten. "Und was ist mit deinem?"

Ein Geschäftsmann Gottes

"Keine Vermischung des Irdischen mit dem Himmlischen", schwor er sich, und doch brauchte Al Green nur zu singen und die Vermischung war geschehen. Jeder Ton verkörpert die schwarze Tradition, das Praktische und Göttliche zu verknüpfen, das Religiöse und das Sinnliche. Wenn Soul die säkularisierte Form des Gospel ist, dann ist Sex die weltliche Form von Kommunion, dann lassen sich love und LOVE kaum mehr trennen. Dass man sich hingeben muss, um erlöst zu werden, und die Terminologie von "eindringen" und "kommen" und "berühren" ohnehin mehr als zweideutig ist, muss man ihm nicht erzählen. Was ist erotischer als ein Prediger, in dem der Teufel steckt? Und so singt der 1946 geborene Al Green nicht vom Sex, er singt ihn, mit Vorhalt und Nachspiel, mit Streicheln und Kraft. Da schieben die Bläserriffs, keucht die Orgel, eine Schicht Geigen gleitet drüber. Und die verschiedenen Schichten ziehen sich zurück, überlappen sich, nie zu viel auf einmal, bis sie sich dann am Ende zum gemeinsamen Höhepunkt vereinen.