Als sowjetische Soldaten im Mai 1945 die Asche Adolf Hitlers in der zerstörten Reichskanzlei fanden, war auch für die Amerikaner der Krieg zu Ende. Als US-Soldaten im April 2003 die Paläste Saddam Husseins betraten, gingen die Kämpfe erst richtig los. Von ihm selbst keine Spur, seine Getreuen leisteten unerwartet großen Widerstand. Es starben mehr Soldaten als bei der Eroberung des Iraks; fast hätte es auch den stellvertretenden US-Verteidigungsminister erwischt; den Amerikanern entglitt die Kontrolle über das Land. Vor vier Tagen endlich fanden US-Soldaten Saddam Hussein in seiner Wolfsschanze. Die geheime Kommandozentrale war nicht mehr als ein Erdloch unter Schlammziegelhäusern bei Tikrit.

Da saß er, der Ex-Präsident des Iraks, der Urenkel des Propheten, der Gesalbte, Geliebte und Gefürchtete, Sonne der Wüste, Feldmarschall der Armee, Chef des Revolutionsrates, Schöpfer der eigenen Gesetze, Patenonkel der irakischen Völker. In einem dunklen Erdloch. Der Widerstand gegen die hoch technisierten Amerikaner hatte Saddam Hussein zurückgeführt an den Beginn seiner Karriere, ins ärmliche Dorf. Denn so wie bei Hitler und bei Stalin hatte auch Saddam Husseins steiler Aufstieg ganz unten begonnen, dort, wo die Ungerechtigkeit groß war und die Beengtheit der Stuben nach Durchlüften, wenn nicht nach Dynamit schrie.

Der Rebell: Im Dorf al-Ouja bei Tikrit leben die Menschen vom Gemüse, das der trockene Boden hergibt. Jede Familie hat ihr eigenes Haus, aus Schlammziegeln. Sie bauen ihre eigenen Lebensmittel an. Sie schneidern die eigenen Kleider. Sie schöpfen ihr eigenes Wasser. Um jedes Haus zieht sich eine braune Mauer. Die Menschen haben Angst – vor den Nachbarn, vor Fremden. Ihre einzige Loyalität gilt der eigenen Familie. Gegenüber den anderen ist alles erlaubt. Lügen? Warum nicht? Begaunern, berauben, morden? Kein Problem, solange man dem eigenen Stamm durch Feuer und Wasser die Treue hält. Das war und ist Saddams Welt.

Als irakischer Herrscher lässt sich Saddam Hussein einen Stammbaum zurechtbiegen, der seine Ahnen bis zum Propheten Mohammed zurückführt. In Wahrheit ist er ein Waisenkind von geringer Herkunft, das beim Onkel aufwächst und sich sein erstes Geld beim Hühnerstehlen verdient. Der Onkel schenkt ihm eine Pistole, er nimmt sie jeden Tag mit in die Schule.

Als Jugendlicher treibt er sich in den Cafés von Bagdad herum. Da werden hinter dem blickdichten Vorhang der Zigarettenschwaden Umstürze und Revolutionen geplant. An arabischen Bakunins ist kein Mangel. Saddam Hussein, der Mann mit der Pistole in der Hand, kommt alsbald groß raus. Mit zwanzig verübt er seinen ersten Mord. Solchermaßen in Übung gekommen, schießt er 1959 auf Abdel Karim Kassem, jenen irakischen Führer, der selbst zuvor den König ermordet hatte. Das Attentat misslingt. Saddam Hussein wird von einer Kugel verletzt und muss nach Syrien und später nach Ägypten fliehen. Doch die Legende Saddam ("der Standhafte") ist geboren.

In Kairo studiert Saddam Hussein Jura, auf dem Papier wenigstens. Intensiver als mit dem Recht beschäftigt er sich mit allerlei nationalrevolutionären Theorien, die in der arabischen Metropole unter Staatschef Gamal Abdel Nasser wie Zuckergebäck gehandelt werden. Saddam Hussein tritt der illegalen Baath-Partei bei, jener sozial-nationalistischen Partei, die in mehreren arabischen Ländern die Welt von gestern umstülpen will. Er kehrt nach Bagdad zurück. Der erste Putsch der irakischen Baathisten von 1963 scheitert. In den sechziger Jahren lernt er das Intrigieren und ein Gefängnis kennen. Bei der Machtergreifung der Baath-Partei 1968 steigt er zur grauen Eminenz von Bagdad auf. Als stellvertretender Generalsekretär schmiedet er den Parteiapparat um, die Sicherheitsdienste hören auf ihn. Er gilt als großes politisches Talent.