Der Herr, der den Testwagen brachte, sah im Grunde aus wie viele Volvo-Fahrer: Dicke Brille, etwas längere Haare, Jutetasche statt Plastiktüte. Und er schimpfte über den Verkehr auf den Autobahnen und über die anderen Autofahrer. "Raser?", fragten wir mitfühlend, "Drängler, Lichthuper?"

"Nein", sagte der Herr mit der dicken Brille, "Langsamfahrer, Schleicher, unerträglich!"

Es war eine unerwartete Szene, aber sie sagte schon einiges über den Zwiespalt, in dem Volvo mit dem V70R steckt. Und darüber, wie schwierig es ist, immer nur der Vernünftige zu sein. Schon unter Geschwistern ist das so: Der Vernünftige wird von den Eltern als Vorbild hingestellt, aber um den Unvernünftigen kümmert man sich mehr, schließlich muss man sich um den anderen ja keine Sorgen machen. Auch im Job ist es so: Der Vernünftige macht seine Arbeit, der Unvernünftige wird so lange für seine Luftnummern bewundert, bis man ihn entlassen muss (oft wird er danach anderswo weiterbewundert). Und auch unter Autos ist die Rolle des Vernünftigen auf die Dauer offensichtlich eine ziemlich unerträgliche.

Ein Volvo ist so etwas wie ein Schweizer Taschenmesser auf Rädern, kurz: Kombi, Sicherheit, Zuverlässigkeit (den Ruf vom Schwedenstahl kann bei der aktuellen 70er-Reihe nun auch der ADAC wieder bestätigen). Eine Allensbach-Umfrage im Jahr 2001 ergab, dass die Sympathiewerte für den Skandinavier auch im Hinblick auf Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit hierzulande außergewöhnlich hoch sind. Und eine Menge Fahrer anderer Fabrikate (die achtfache Zahl der Volvo-Besitzer) erklärten damals, dass sie auch gern einen hätten.

Das genügt Volvo offenbar nicht. Ist nicht der typische Volvo-Fahrer bekanntermaßen Familienvater, Pulloverträger, Ikea-Liebhaber, Beschlagene-Brillen-Putzer, kurz: Oberstudienrat, Lektor, Redakteur? Menschen also, gegen die nicht viel zu sagen ist, außer, dass sie für Marktstrategen nicht sonderlich sexy sind. Für Marktstrategen sind Menschen sexy, die dynamisch, erfolgreich und spaßorientiert sind, die über flüssiges Geld, Maßanzüge und die Synchronstimme von Robert de Niro verfügen. Man könnte meinen, dass solche Menschen außerhalb des Fernsehens (von Marktstrategen einmal abgesehen) derzeit nicht mehr so leicht zu finden sind.

Aber das störte die Entwickler nicht groß. Der V70R (R wie Racing) sieht noch aus wie der bewährte V70-Kombi, man kann ihn auch tatsächlich noch als Kombi benutzen, aber, betont man bei Volvo, er ist fast kein Kombi mehr, sondern "ein Hochleistungsfahrzeug, das mit sportwagenähnlichen Werten aufwarten kann": Ein Motor mit 300 PS (!), von null auf hundert in unter sechs Sekunden (!), ein "Four-C-Fahrwerk", bei dem die Stoßdämpfer bis zu 500-mal pro Sekunde (!) mit neuen Informationen versorgt und vollautomatisch den Straßenverhältnissen angepasst werden. 500-mal pro Sekunde, das heißt, dass die Stoßdämpfer dieses Autos etwa 50-mal schneller auf irgendetwas reagieren können als sein Fahrer. Und nicht nur die Stoßdämpfer, da ist noch der Bremsassistent. Der wird laut Volvo von allein aktiv, wenn der Fahrer "in einer kritischen Situation" zu zögerlich oder zu sanft auf die Bremse tritt: "Dann aktiviert das System sofort die maximale Bremskraftverstärkung und verkürzt dadurch den Anhalteweg erheblich." Lapidarer kann man die Überlegenheit der Maschine über den Menschen kaum ausdrücken. Und man fragt sich etwas bang: Was ist für dieses Auto eine kritische Situation?

Wir mussten es glücklicherweise nicht ausprobieren. Der V70R verhält sich dank Fahrwerk samt Allradantrieb tadellos und klebt förmlich auf der Straße, sodass sich der Fahrer selbst beim Durchwedeln deutscher Mittelgebirge mit 175 km/h so sicher vorkommt wie im Simulator. Schneller geht es sowieso nicht: Wo auf unseren Straßen ist es noch so leer, dass sich guten Gewissens eine ausgewiesene Höchstgeschwindigkeit von 250 Sachen fahren lässt? Natürlich, man kann sich an der Autobahntankstelle bis halb drei Uhr morgens mit Cola voll laufen lassen und dann, wenn kein Lastwagen kommt, auf schnurgerader Strecke und der mittleren Spur das Gaspedal juchzend einmal bis zum Anschlag drücken. Aber will man – in dem Alter, in dem man sich einen Volvo leisten kann – deswegen wirklich so lange aufbleiben?

Ohnehin, das wissen die Marketingexperten ja selbst am besten, in einer bestimmten Autogüteklasse geht es nicht mehr groß um die Technik, die sich von Hersteller zu Hersteller doch ziemlich ähnelt (jedenfalls, solange niemand Flügel entwickelt). Es geht ums Image, das Lebensgefühl, das ein Auto ausstrahlt. Um das Wissen beispielsweise, dass man mit diesem High-Tech-Megatriebwerk 250 km/h fahren könnte, auch wenn das nicht geht. Aber man könnte. Wie sehr man könnte, deutet auch das Styling an: Außen eine aerodynamische Frontpartie mit stärker betontem Spoiler und vergrößertem Ladekühler-Lufteinlass, innen blau unterlegte Rundinstrumente, Tempomat, elektrisch verstellbare Ledersportsitze. Eine Ausstattung, die, so bequem die Sitze auch sind, eher nicht auf den vernünftigen Familienvater, Alternativen, Lehrer oder Redakteur abzielt. Ebenso wenig der beachtliche Verbrauch, im Test um einiges über dem nebenstehenden Wert, der so gar nicht zu dem ökologischen Image passt, das Volvo immer hochhält ("sämtliche Materialien wurden so gewählt, dass sie im Produktionsprozess möglichst geringe Umweltbelastungen verursachen").