Sven kann es nicht lassen. Zum dritten Mal linst er durch seine Finger. Diesmal hat Eleonore Schmid ihn erwischt. "Nicht gucken!", ruft sie und lässt die Triangel unterm Tisch verschwinden. Sven presst die Hand vor die Augen. Weiter geht’s mit dem Hörtraining: Erst klingt die Triangel. Dann schnappt die Schere. Dann läutet die Glocke. "Augen auf", sagt Frau Schmid. Die fünf Erstklässler greifen zu den Bildern vor ihnen: Triangel, Schere, Glocke. Die Jungen legen sie in die Reihenfolge, in der sie die Geräusche gehört haben. Oder wie der Nebenmann sie gehört hat. Jedenfalls liegen am Ende alle richtig. Sogar Florian, der nach längerem Gucken auf Svens Bildchen die Glocke doch noch hinter die Schere schiebt. "Das war einfach", sagt er dann großspurig.

Florian, Sven und Konsorten haben Schwierigkeiten mit dem Zuhören. Eigentlich mit allem, was Konzentration erfordert. Darum sind sie hier. Jeden Freitagmorgen kommen sie in Frau Schmids kleines Klassenzimmer in der Nürnberger Friedrich-Hegel-Grundschule, das voll ist mit Kinderbüchern, Gedächtnisspielen und einem Buchstaben-Glücksrad. Eleonore Schmid ist Förderlehrerin. Diesen Beruf gibt es in Deutschland bislang nur in Bayern, dort allerdings schon seit 30 Jahren. In Schmids Gruppen sitzen Legastheniker, Einwandererkinder und Lernschwache, aber auch besonders Leistungsstarke. Sie erhalten hier die Aufmerksamkeit, die ihnen im Klassenverband mit 25 und mehr Kindern versagt bleibt. An Bayerns Grund- und Hauptschulen arbeiten mehr als 1500 Förderlehrer. In anderen Bundesländern wissen aber selbst Fachleute wenig von ihrer Existenz.

So hat sich auch Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Proteste vom Förderlehrerverband eingehandelt, als er vor einer Weile behauptete, der in anderen europäischen Ländern verbreitete Lehrassistent sei in Deutschland noch unbekannt. Inzwischen genießen Eleonore Schmid und ihre Kollegen jedoch gebührende Aufmerksamkeit. Zunehmend denken nämlich auch andere Bundesländer darüber nach, wesentlich mehr Lehrassistenten einzusetzen. Bisher gibt es sie außerhalb Bayerns nur im Rahmen vereinzelter Initativen.

Hoffen auf doppelten Gewinn

Das soll nun anders werden, beispielsweise in Berlin. Der Stadtstaat kombiniert seine Pläne mit der ohnehin anstehenden Reform der Lehrerausbildung. Die Idee lautet: Absolventen des neuen Bachelor-Studiums sollen von Berliner Schulen als Juniorlehrer eingestellt werden und dann wie in Bayern die voll ausgebildeten Fachlehrer unterstützen, um Schüler individuell fördern zu können. Auch der Einsatz der neuen Juniorlehrer wäre ähnlich wie in Bayern. Sie könnten sowohl den regulären Unterricht an der Seite des Klassenlehrers begleiten als auch eigenständig Fördergruppen und Arbeitsgemeinschaften leiten.

Wieder einmal Pisa. Seit dem miserablen Abschneiden beim internationalen Bildungsvergleich versuchen deutsche Politiker, die Rezepte erfolgreicher Länder zu kopieren. Das gilt auch für die Juniorlehrer. So benennt Felicitas Tesch, schulpolitische Sprecherin der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, Großbritannien und besonders den Pisa-Sieger Finnland als die Vorbilder. 6700 Schulassistenten unterstützen in Finnland Klassenlehrer beim Unterricht. Ihr Engagement reicht bis zur Organisation des Schulwegs.

In Großbritannien funktioniert das ähnlich, doch anders als in Finnland hat die Londoner Regierung gerade erst angefangen, die Ausbildung der assistant teachers zu standardisieren. In Finnland absolvieren Schulassistenten schon seit 1985 eine Art abgespecktes Lehramtsstudium ähnlich dem Bachelor, wie er jetzt in Berlin geplant ist.

Demnächst wird das Abgeordnetenhaus die grundlegende Änderung der Lehrerbildung be-schließen und das gestufte Lehramtsstudium einführen: Als Basis einen dreijährigen Bachelor mit pädagogischem Schwerpunkt als Grundlage für alle Schulformen. Dann einen Master-Studiengang, der für künftige Gymnasiallehrer zwei Jahre, für die anderen ein Jahr dauern soll. "Wir brauchen eine Lehrerausbildung, die praxisorientiert ist, qualifizierender und kürzer", sagt Thomas John, Sprecher von Schulsenator Klaus Böger.