Vom Scheitern bedroht, des Fraktionskampfes in seiner Regierung müde, vollzog Präsident Bush in den vergangenen Wochen eine dramatische Wende seiner Besatzungspolitik. Er tat, was Präsidenten in so einer Lage zu tun pflegen: Sie konzentrieren die Macht im Weißen Haus. Es begann damit, dass der Präsident den hemdsärmligen Besatzungschef Jay Garner gegen den geschliffenen Paul Bremer austauschte. Das ist mehr als eine Stilfrage. Der zweite Statthalter im Irak gilt nicht als Günstling der Hardliner aus dem Verteidigungsministerium und hat, anders als sein Vorgänger, einen direkten Draht ins Weiße Haus. Er geht zuweilen mit dem Präsidenten joggen.

Im zweiten Schritt entzog der Präsident dem Pentagon die Irak-Planungshoheit. Im Weißen Haus wurde ein alter Feund des Präsidenten, Robert Blackwill, zum Irak-Koordinator ernannt. Der jüngste Irak-Beauftragte des Präsidenten, James Baker, ist ein alter Freund der Familie Bush. Er soll zaudernde Staaten zur Entschuldung des Iraks bewegen. So hat der amerikanische Präsident die verfeindeten Fraktionen seiner Regierung entmachtet und eine frische Elite der Bush-Boys eingesetzt.

Die Runderneuerung des außenpolitischen Teams ist eben abgeschlossen, als im frisch verschneiten Washington die Nachricht von der Verhaftung Saddam Husseins eintrifft. Am Sonntag morgen um Viertel nach fünf weckt das Telefon den amerikanischen Präsidenten. Am Apparat ist seine Sicherheitsberaterin. Was sie ihm mitteilt, ist die beste Nachricht, die George Bush seit dem Fall von Bagdad erhalten hat. „Aber noch mal“, wird Bush später witzeln, „soll sie mich nicht so früh wecken.“ Bush zieht sich an und läuft hinüber in sein Büro, das Oval Office, wo er einen Aruf von seinem Vater erhält: „Gratuliere. Ein großer Tag für Amerika.“ Und vielleicht der größte Tag für ihn selbst. „Die Verhaftung Saddams“, sagt George Bush, „hat die Gleichung im Irak verändert.“

Noch ist davon in den Straßen Bagdads nichts zu sehen. So wenig die Iraker vor acht Monaten die einmarschierenden US-Soldaten mit Blumen begrüßten, so wenig bricht nach Saddam Husseins Festnahme spontan Volksfeststimmung aus. Hier und da tanzen Menschen auf der Straße, hier und da sind Salutschüsse aus Kalaschnikows zu hören, geben Imbissbesitzer eine Runde Kebab aus. Von jubelnden Massen aber, die das lang ersehnte Ende eines Tyrannen feiern, wie manche Fernsehbilder es glauben machen wollten, ist in Bagdad nichts zu sehen. „Es wäre besser gewesen, wenn Iraker Saddam gefasst hätten – für unsere Würde und auch für seine“, meint der Bagdader Geschäftsmann Basil al-Ateia. „Jetzt müssen wir für immer in dem Bewusstsein leben, dass jemand anders uns von ihm befreien musste.“

Vor der Moschee in Adamiya, einem SunnitenViertel in Bagdad, das als ein Zentrum des Widerstands gilt, gehen am Sonntag abend rund dreihundert Männer auf die Straße. Sie feiern nicht, sie sind auf Krawall und Protest gegen die Besatzer aus. Schwarz vermummt, ziehen sie durchs Viertel, voller Wut gegen die Amerikaner und alles, was auch nur im entferntesten westlich wirkt. Selbst die irakische Polizei schaltet lieber Blaulicht an und sucht das Weite. US-Soldaten sperren schließlich mit Panzern alle Zufahrtstraßen ab. Im Irak bricht nicht plötzlich Frieden aus, nur weil Saddam Hussein nicht mehr in einem Loch, sondern in einem geheim gehaltenen Gefängnis sitzt.

Viele Iraker h0aben ein seltsam masochistisches Verhältnis zu sich selbst. Als wüssten sie, dass ihnen nicht zu trauen ist, wird bis heute jener Statthalter Hudschadsch als würdige Figur der Geschichte verehrt, den vor über 1000 Jahren Kalif Muawiya aus Damaskus entsandte. Der Legende nach kam Hudschadsch nach Bagdad, sah die Menge, die sich zu seiner Ankunft versammelt hatte, und sprach: „Ich sehe eine Menge Köpfe, die reif sind, abgehackt zu werden!“ So geschah es dann auch, und was die Brutalität des Herrschens angeht, hat sich bis in die Gegenwart nicht allzu viel verändert.